Add to Cart Sold Out

Always stay up to date with our new English-language newsletter

🇬🇧 Never miss a great DOM book again – with our newsletter you benefit from exclusive offers, peek behind the scenes of our publishing house and stay informed about upcoming events. You can now subscribe to an English-language newsletter covering all our international titles: click.

đŸ‡©đŸ‡Ș Nie wieder ein neues Buch verpassen: Mit unserem Newsletter profitieren Sie von exklusiven Angeboten, werfen einen Blick hinter die Kulissen unseres Verlags und erhalten vorab Infos zu Veranstaltungen und neuen Titeln. DOMmail gibt es weiterhin auf Deutsch (mit Informationen zu allen deutschsprachigen und internationalen Titeln) – und jetzt auch auf Englisch. Einfach hier anmelden: klick.

Other articles:

A Powerful Voice from Ukraine

Author and critic Ievgeniia Gubkina combines architectural history with cultural studies, and research with activism. DOM has now published a collection of her best essays, interviews and articles.

 

Text: Damien Leaf
Photo: Ievgeniia Gubkina, photographed in London, 2023. © Anastasiya Shomina

 

Ievgeniia Gubkina’s interest in Soviet-era architecture began not with buildings, but with stories. They were the exciting, tragicomic, dissident tales told in her family in the late 1980s when Ievgeniia was a little girl and communism was about to crumble. One tale was of her great-grandmother. In the heyday of Stalinist oppression and famine, the then 12-year-old was lavishly provided for in a camp of the Young Pioneers (the compulsory organisation for children) in the Crimea. But Ievgeniia’s great-grandmother hated having to follow orders and snuck out, only to be asked after an adventurous return home: ‘What are you doing here? We have no food!’

Having grown up not only in a critical milieu, but also in a family of four generations of architects, engineers, and academics, Ievgeniia Gubkina was already familiar with the historical-political context when she later studied interwar modernism, among other things, in Ukraine. It surely also helped that she is from Kharkiv, which was the capital of the Soviet Republic of Ukraine from 1919 to 1934 and rebuilt to a large extent in the style of Socialist Classicism after the Second World War. ‘I had the key. I just had to find the door,’ she says.

In her hometown, Ukraine’s second largest city after Kyiv, she studied architecture with a specialisation in urban planning, receiving her MA in 2008. Gubkina combines architectural history with cultural studies, and research with activism – in 2014 she co-founded the NGO Urban Forms Center. ‘I try to jump between different contexts and topics.’ Her first book with DOM, the Architectural Guide Slavutych (2015), is a case in point. It presents the fascinating history of the city purpose-built for the evacuated personnel of the Chernobyl Nuclear Power Plant after the 1986 disaster. The book was followed by Soviet Modernism. Brutalism. Post-Modernism. Buildings and Structures in Ukraine 1955–1991.

 

 

For their next joint project, Gubkina and DOM planned an architectural guide to Kharkiv, but then came the Russian attack. Now, next up is a collection of essays that – as in her childhood stories – combine historical events, personal experience, and political reflection. The opinionated, combative tone is also in the best family tradition. In Being a Ukrainian Architect During Wartime, Gubkina gathers the texts and speeches she published during the first months of the war. The book opens with an interview she gave to Ukrainian Vogue in March 2022 directly from the minivan that evacuated her and her family to Latvia. By then, a quarter of the buildings in Kharkiv had already been destroyed or damaged. Most of the subsequent texts were written in exile in Paris and have been read or published in various places around the world, including DĂ©rive and Architectural Record.

Now, thanks to support from CARA (the Council for At-Risk Academics), Gubkina lives with her 14-year-old daughter in London. She is a Randolph Quirk Fellow and teaches at UCL Bartlett. She cannot say whether she will ever return to Kharkiv permanently: ‘I try not to think about the future now.’ In any case, she has resumed work on the architectural guide to the city. The book is scheduled for publication in summer 2024.

 

Learn more about our focus on Ukraine: click.

 

Robotron-Kantine und Tele-Café: Wo die DDR einst speiste

FĂŒr kulinarische Höhepunkte war der ­Arbeiter- und Bauernstaat nicht bekannt, doch seine Mensen und Restaurants wurden oft anspruchsvoll gestaltet. Um ihren Charme zu erhalten, braucht es mehr Aufmerksamkeit fĂŒr diese einzigartigen Orte.

 

Text: Dina Dorothea Falbe
Foto: 1970 lud die Wochenpost palĂ€s­tinensische Kinder in die DDR ein. Auf dem Berliner Fernsehturm gab es fĂŒr sie Kakao und Kuchen. © Bundesarchiv, Peter Heinz Junge

 

Er sollte die Botschaft der politischen Überlegenheit des Sozialismus gen Westen senden: Der Berliner Fernsehturm, eröffnet durch Walter Ulbricht kurz vor dem 20. Jahrestag der DDR am 3. Oktober 1969, war ein politisches Prestigeprojekt. Besonders die Stahlkugel als Turmkopf – ein Novum - galt als waghalsiges Unterfangen: eine architektonische Ideal­lösung ohne RĂŒcksicht auf die Kosten. Denn der Turm war nicht nur da­rauf ausgelegt, durch schiere GrĂ¶ĂŸe zu beeindrucken (mit 368 Metern ist er bis heute das höchste Bauwerk seiner Art in Deutschland), er war buchstĂ€blich ein Höhepunkt sozialistischer Gastrokultur. Im Tele-CafĂ© servierte man Schokoladen-Nuss-Parfait und sowjetischen Wodka – in 207 Meter Höhe.

Ein wesentliches Element war dabei die aufwendige Inneneinrichtung: Ledersitze und verchromte Tischlampen des Leuchtengestalters Richard Wilhelm sorgten fĂŒr ein edles Ambiente. GegenĂŒber dem Ausblick durch die Panoramafenster wurden mit Aluminiumverkleidung und einer Motivwand des KĂŒnstlers Wilhelm KĂŒhn die Assoziationen zur Kosmonautik aufgegriffen, die man etwa auch bei den Bullaugenfenstern im EingangsgebĂ€ude von Walter ­Herzog fand: Die Raumfahrt war bis in die Siebzigerjahre ein oft eingesetztes Motiv, das den Glauben an eine bessere Zukunft durch technischen Fortschritt im Sozialismus illustrieren sollte; der Fernsehturm steht wie kaum ein anderes GebĂ€ude fĂŒr diese »Sputnik-Ikonografie«. Das Gesamterlebnis des GaststĂ€ttenbesuchs, bei dem dank der Drehfunktion das gesamte Panorama der DDR-Hauptstadt in einer Stunde erlebt werden konnte, war bis ins Detail ausgestaltet. FĂŒr die ausgewĂ€hlten Mitarbeiterinnen (es wurden offenbar »ausschließlich junge, hĂŒbsche Damen – Durchschnittsalter 25 Jahre« eingestellt, schreibt Matthias GrĂŒnzig in seinem Buch Der Fernsehturm und sein Freiraum) entwarf die Modegestalterin Gerda Wernitz spezielle KostĂŒme, die an die Kleidung von Flugbegleiterinnen erinnern sollten. Einstellungsvoraussetzung waren zudem Kenntnisse in Englisch, Französisch und Russisch.

Die ursprĂŒngliche Innenausstattung des Restaurants in der Kugel fiel 2013 einer Modernisierung zum Opfer, doch das Raumerlebnis zwischen der atemberaubenden Aussicht durch das Panoramafenster und der erhaltenen kĂŒnstlerischen Arbeit von Wilhelm KĂŒhn können bis heute tĂ€glich Tausende Restaurantbesucher genießen.

Speisesaal 1 der Robotron-Kantine. © Eberhard Wolf, netzwerk ostmodern, www.robotron-kantine.de
Speisesaal 1 der Robotron-Kantine. © Eberhard Wolf, netzwerk ostmodern, www.robotron-kantine.de

 

Wenige Monate vor Eröffnung des Fernsehturms wurde Anfang April 1969 im Rahmen eines zentral eingeleiteten ­Reformprogramms fĂŒr die Wirtschaft in der DDR der VEB Kombinat Robotron gebildet und mit den Bauarbeiten auf dem spĂ€teren Robotron-GelĂ€nde in ­Dresden begonnen. Unter diesem Namen, zusammengesetzt aus den Begriffen ­»Roboter« und »Elektronik«, sollte der grĂ¶ĂŸte Computerhersteller der DDR und ein bedeutender Produzent von Informationstechnologie im Ostblock entstehen. Rechentechnik und Mikroelektronik galten als zukunftsweisend: Dies sollte durch die Standortwahl in direkter NĂ€he zur Innenstadt und die Gestaltung des Robotron-Areals unterstrichen werden. Unter der Verantwortung des Architektenkollektivs unter Leitung von Axel Magdeburg und ­Werner Schmidt wurde bis 1974 eine der grĂ¶ĂŸten und qualitĂ€tsvollsten Baumaßnahmen dieser Zeit in Dresden umgesetzt.

Neben GebĂ€uden fĂŒr die ­Kombinatsleitung, BĂŒrobauten sowie dem Rechen­zentrum wurde auf dem Areal am Pirnaischen Platz, eingebettet in die Parklandschaft am Übergang zum Großen Garten, eine großzĂŒgige BetriebsgaststĂ€tte errichtet. Der Pavillonbau nach PlĂ€nen von Herbert ­Zimmer, Peter Schramm und Siegfried Thiel umfasst eine KĂŒche sowie zwei große SpeisesĂ€le mit insgesamt 800 PlĂ€tzen. Diese Robotron-­Kantine war kein Typenprojekt, sie wurde ­individuell entworfen, um ihre Funktion als Treffpunkt fĂŒr die Belegschaft des zukunftsweisenden Betriebs zu erfĂŒllen. Den Architekten gelang es, aus den damals verfĂŒgbaren vorgefertigten Bauelementen eine eigenstĂ€ndige Architektur zu entwickeln. Architekturhistorisch betrachtet, ist die ­Robotron-Kantine Zeugnis einer Zeit, in der die serielle Vorfertigung als Chance fĂŒr die Gestaltung wahrgenommen wurde. Erst als die Typisierung ganzer GebĂ€ude in vielen Bereichen zum Standard wurde und individuelle Gestaltungsideen aufgrund der wirtschaftlichen Situation kaum mehr umsetzbar schienen, ließ die anfĂ€ngliche Begeisterung nach. Die Gestaltung des Robotron-Areals war dagegen noch geprĂ€gt von einer Liebe zum Raster, die nicht nur in den konstruktiven Merkmalen, sondern auch in dekorativen Elementen erkennbar war. Betonformsteine schmĂŒckten die Fassaden aller GebĂ€ude auf dem Robotron-GelĂ€nde. Auch die BrĂŒstungselemente rund um die Terrasse der BetriebsgaststĂ€tte wurden aus Betonformsteinen von Friedrich Kracht gefertigt. In den SĂ€len befinden sich hochwertig verzierte WandflĂ€chen mit Formsteinen von Eberhard Wolf.

In dem markanten und gut zugĂ€nglichen GebĂ€ude fanden zudem zahlreiche Kulturveranstaltungen und Feierlichkeiten statt, bei denen das betriebseigene Ensemble mit Musik, Tanz, KunststĂŒcken und Puppen­spiel auftrat. Auch nach Auflösung des ­Robotron-Kombinats 1990 wurde die ehemalige BetriebsgaststĂ€tte immer wieder kulturell genutzt: als Diskothek und Tanzbar, als ProbebĂŒhne der Semperoper, fĂŒr die ­Zwingerfestspiele oder als ­Tatort-Drehort. Als ein neuer EigentĂŒmer 2016 den Abriss plante, regte sich Widerstand: Netzwerke wie ostmodern.org und ­Industrie.Kultur.Ost setzten sich fĂŒr den Erhalt ein – als zentral gelegener kultureller Treffpunkt und letzte bauliche Erinnerung an die Geschichte des verschwundenen Kombinats. Die anderen GebĂ€ude auf dem Areal wurden in den vergangenen Jahrzehnten zunĂ€chst auf unterschiedliche Weise umgenutzt und zuletzt teilweise (Atrium I und Rechenzen­trum) abgerissen, um neuen Wohnbauten Platz zu machen. Nachdem die Stadtverordnetenversammlung 2019 im Zusammenhang mit Dresdens Bewerbung als Kulturhauptstadt 2025 den stĂ€dtischen Erwerb und Erhalt der Kantine beschlossen hatte, lag das Projekt zunĂ€chst aufgrund ungeklĂ€rter Finanzen brach, da aus der Bewerbung nichts wurde. Seit 2022 nutzt das Kunsthaus ­Dresden im Wechsel mit der Ostrale das GebĂ€ude als Ausstellungsort, was der gegenwĂ€rtige ­Projektentwickler und EigentĂŒmer ermöglicht. Aktuell wartet eine Vorlage der Stadtverwaltung zum Ankauf der Kantine fĂŒr 110.000 Euro auf eine Entscheidung im Dresdner Stadtrat. Noch zögert man, aufgrund der schwierigen Finanzlage.

 

Ehemalige Mensa der Ingenieurhochschule Wismar: Innenaufnahme (oben), die Außenanlage mit Wasserbecken, vermutlich aufgenommen im Jahr 1975 (Mitte), und ein in der Mensa abgehaltenes Konzil (unten). © Hochschule Wismar

 

In der ehemaligen Mensa der Ingenieurhochschule Wismar findet kein studentisches Leben mehr statt. Ihr Standort wurde als zu weit entfernt vom Hochschulcampus angesehen und 2015 eröffnete eine neue Mensa auf dem Campus. Die Alte Mensa war ab 1972 im Rahmen der Planungen fĂŒr den zu dieser Zeit im Bau befindliche Siedlung Friedenshof als Teil des Wohngebietszentrums errichtet worden. Neben den Hochschulangehörigen aßen dort Schulkinder mehrerer Schulen. Auch eine Milchbar gehörte zum Programm. Um diese unterschiedlichen gastronomischen Angebote effizient zu organisieren, versorgte eine zentral im GebĂ€ude angelegte KĂŒche drei SpeisesĂ€le und GastrĂ€ume – ĂŒberdacht von Schirmschalen aus nur sechs Zentimeter dickem Beton, gestaltet und umgesetzt vom Betrieb des Binzer Schalenbaumeisters Ulrich MĂŒther. Die Schalen sind von außen kaum sichtbar, prĂ€gen jedoch die InnenrĂ€ume umso mehr. Der große Saal wird von vier Schalen ĂŒberdacht. Ein holzverkleidetes Band im Zwischenraum der Schalen mĂŒndet in eine Metallgetaltung in der verglasten Fassade, die ursprĂŒnglich beleuchtet war. Die Schirmschale der Milchbar zierte eine Bemalung, die auf den vier Seiten der StĂŒtze einen Baum in vier Jahreszeiten abbildete.

Zur kĂŒnstlerischen Ausgestaltung gehörte laut Beschreibung der Architekten in der Zeitschrift Deutsche Architektur auch ein »farbiges Natursteinmosaik mit technischem Bewegungsspiel«, das »die Einheit von Forschung und Lehre darstellen« sollte, »wobei die plastische Wirkung sich durch die darĂŒber angeordnete Lichtkuppel« erhöhe. Der Architekturentwurf war im Ingenieurhochbaukombinat Rostock, Sitz Wismar, unter Chefarchitekt Arno Claus Martin entstanden. Zum Raumprogramm gehörte auch eine Bunkeranlage, die sich – neben dem zuletzt fĂŒr Partys genutzten Mensakeller – im Untergeschoss des GebĂ€udes befindet.  Mit den Partys war es 2018 schließlich vorbei, als die Betriebsgenehmigung seitens der Stadt unter anderem aufgrund von brandschutztechnischen MĂ€ngeln nicht verlĂ€ngert wurde. Mehrere Investoren interessierten sich dafĂŒr, das GrundstĂŒck zu erwerben – jedoch nicht dafĂŒr, das GebĂ€ude zu erhalten. Auch hier waren es Engagierte aus Fachkreisen, die sich fĂŒr den Erhalt der Mensa einsetzten. Die Wismarer Kammergruppe der Architektenkammer machte auf die Bedeutung und QualitĂ€ten des Bauwerks und auf dessen Potenziale aufmerksam.

Der Name MĂŒther war und ist insbesondere an der Wismarer Hochschule nicht unbekannt, denn dort wird seit 2006 der berufliche Nachlass des Bauingenieurs und Unternehmers aufbewahrt. Ab 2017 konnte dieser in einem geförderten Projekt archivarisch erschlossen und in eigens dafĂŒr eingerichtete RĂ€ume ĂŒberfĂŒhrt werden. Im MĂŒther-Archiv liegen Zeichnungen der materialsparenden und hochwertigen Schalenkonstruktionen und so lĂ€sst sich nachweisen, dass es mehrere GaststĂ€tten mit Schirm- oder Pilzschalen von MĂŒther in der DDR gegeben hat. Die Wismarer Mensa ist ein gut erhaltenes Beispiel. Im Jahr 2020 kaufte schließlich die Wismarer Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) das Objekt. Sie plant, das GebĂ€ude fĂŒr eigene BĂŒros zu nutzen. Anstelle der zentralen KĂŒche soll ein Lichthof entstehen, der Raumeindruck unter den Schirmen weitgehend erhalten bleiben. Wie mit der baugebundenen Kunst umzugehen ist, die sich in Form weiterer Metallgestaltung im Außenraum fortsetzt, wird in Abstimmung mit der Denkmalpflege zu entscheiden sein. Nachdem die Wobau das GebĂ€ude erworben hatte, stellte das Landesamt fĂŒr Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern die Wismarer Mensa unter Denkmalschutz. Der Baubeginn fĂŒr die Sanierungsarbeiten ist aktuell fĂŒr 2024 avisiert.  

FĂŒr die von 1973 bis 1976 erbaute Mensa der UniversitĂ€t Greifswald schuf Wolfgang Frankenstein das fĂŒnfteilige Wandbild Studenten in der so­zia­listischen Gesellschaft. © Martin Maleschka

 

Vielseitig genutzt und damit als prĂ€gender Ort prĂ€sent im GedĂ€chtnis vieler, die in Greifswald und Umgebung ihre Jugend verbracht haben, ist die dortige Mensa am Schießwall. Seit 1993 sorgte der Mensaclub als grĂ¶ĂŸter Studentenclub der Stadt hier regelmĂ€ĂŸig fĂŒr Programm mit Konzerten, Partys und FilmnĂ€chten. Mittlerweile wird die Mensa als Alte Mensa bezeichnet, denn auch in Greifswald gibt es auf dem neuen UniversitĂ€tscampus eine neue Mensa. Doch das 2014 unter Denkmalschutz gestellte GebĂ€ude soll auch nach der Sanierung wieder fĂŒr die Angebote des Vereins Mensaclub zur VerfĂŒgung stehen. DarĂŒber hinaus soll die Mensa »zu einem zentralen Kommunikations- und Koopera­tionspunkt fĂŒr Start-ups, fĂŒr die IT- und Kreativszene sowie fĂŒr bestehende Unternehmen, Handwerk und weitere Bereiche« entwickelt werden, wie das verantwortliche und von der Stadt sowie der UniversitĂ€t getragene Wissenschafts- und Technologieunternehmen erklĂ€rt. Am Rande der historischen Altstadt, direkt an einem der wichtigsten EingĂ€nge zur Innenstadt gelegen, soll nun im Rahmen einer Landesinitiative ein »Innovationszentrum« in der Alten Mensa entstehen. Nach einer finanzierungsbedingten Projektverzögerung ist die Fertigstellung aktuell fĂŒr 2027 geplant. Der moderne zweigeschossige Stahlbetonskelettbau mit markanter roter Fassade wurde von Ulrich Hammer nach einem Konzept von Ulf Zimmermann entworfen und 1975 eröffnet. Im Keller soll sich die zen­trale Leitstelle der Zivilverteidigung befunden haben. Beeindruckend ist die reiche kĂŒnstlerische Ausstattung des GebĂ€udes: Das 22 Meter lange Wandbild Studenten in der sozialistischen Gesellschaft im Eingangsfoyer stammt von dem KĂŒnstler Wolfgang ­­Frankenstein. Die Bierstube wurde mit Arbeiten von Studierenden aus Keramikzirkeln ausgestaltet. Treppenhaus und Milchbar zierten die Werke mit regional inspirierten Motiven Ostsee und Mecklenburger Trachten, die in den Emaillezirkeln Fritz KĂŒhn und Lea Grundig entstanden waren.

Ebenfalls von Ulf Zimmermann stammt der Entwurf fĂŒr die von 1968 bis 1972 errichtete Mensa der Hochschule Ilmenau in ­ThĂŒringen. Auch diese Mensa steht als erster Bau eines an der TU Dresden entwickelten Typenprojektes seit 2011 unter Denkmalschutz. Das BĂŒro AGZ, mittlerweile ĂŒbernommen von Zimmermanns Sohn Norbert, beschreibt die gestalterische Wirkung in den Referenzen: »An der Fassade kontrastieren die dunkelbraunen Stahlprofile der Obergeschosse zu den weiß gespritzten Alu-Color-Lamellen an den BrĂŒstungs- und Simsblenden.« Die Ă€ußere Erscheinung soll bei der 2021 begonnen Sanierung »so originalgetreu wie möglich nachempfunden« werden. Im Inneren grenzen sich die verschieden großen SpeiserĂ€ume durch ihre Gestaltung klar von­einander ab und erzeugen unterschiedliche Raumerlebnisse. Die Milchbar und Imbisstheke separierten die Architekten durch eine rĂ€umliche Zonierung: »fest im Fußboden verankerte Tische und Sitze mit roten BezĂŒgen sind vor der Imbisstheke angeordnet, grau bezogene StĂŒhle und bewegliche Marmortische charakterisieren den dahinterliegenden Raumbereich der Milchbar. Rudi Sittes hinterleuchtete Wandgestaltung aus farbigen Glaskörpern an der Stirnwand bildet ein weiteres einprĂ€gsames Element der innenrĂ€umlichen Ausformung.« Eine Reliefwand von Rudolf Sitte und ­Dieter Graupner mit dem Titel ­positiv im Innenraum verbindet abstrakte Formen mit Personendarstellung, wĂ€hrend die Relief­wand der beiden KĂŒnstler im Außenraum vollstĂ€ndig abstrakt gehalten ist. Als  MitbegrĂŒnder der KĂŒnstlergenossenschaft  Kunst am Bau und Professor an der Hochschule fĂŒr Bildende KĂŒnste Dresden, der ĂŒber baugebundene Kunst lehrte, schuf Rudolf Sitte zahlreiche, hĂ€ufig plastische Wandgestaltungen fĂŒr öffentliche InnenrĂ€ume.

 Mensa der Technischen Hochschule Ilmenau. © AGZ

 

Insbesondere die gastronomische Nutzung stellt oft hohe funktionelle, hygienische und ökonomische AnsprĂŒche, die den Erhalt der historischen Gestaltung erschweren können. Selbst wenn es gelingt, die hĂ€ufig vielseitig genutzten SpeisesĂ€le und GaststĂ€tten zu bewahren, sogar denkmalpflegerisch zu untersuchen und zu schĂŒtzen, ist es schwer, den Erhalt der Originalsubstanz und der ursprĂŒnglichen Nutzung gleichzeitig möglich zu machen. SpeisesĂ€le, die inzwischen vorwiegend als kulturelle Orte genutzt werden, können durch die geringeren baulichen Anforderungen oft mehr von ihrem Charme konservieren. Die aufgefĂŒhrten Beispiele aus Dresden und Berlin zeigen, wie wichtig die öffentliche Diskussion ĂŒber den Wert von Architektur ist, um vorhandene QualitĂ€ten sichtbar zu machen und erlebbar zu halten.

 

DINA DOROTHEA FALBE ist Architektin, Autorin in Berlin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im MĂŒther-Archiv an der Hochschule Wismar. Das Architekturerbe der DDR ist einer ihrer Forschungsschwerpunkte. Foto: privat

 

 

Zwischenstopp in Montréal

Heike Maria Johenning ist Autorin unseres kĂŒrzlich erschienenen ArchitekturfĂŒhrers MontrĂ©al. Kanadas zweitgrĂ¶ĂŸte Stadt kennt sie seit mehr als 20 Jahren. Hier fĂŒhrt sie zu Moshe Safdies Habitat 67 und zu Inuit-Kunst – immer mit Leonard Cohens Songs im Ohr.

 

Text: Heike Maria Johenning
Foto: Appartements Bishop Court (John Smith Archibald und Charles Jewitt Saxe, 1904), im Hintergrund eine Wandmalerei, die Leonard Cohen zeigt. © Johenning 

 

Das erste Mal habe ich die Stadt 2002 besucht, als ich einige Monate lang als Französisch-Übersetzerin fĂŒr VIA Rail Canada arbeitete. Mir gefiel auf Anhieb die etwas disparate Mischung aus europÀ­ischen Baustilen, extravaganten Kirchen, schmalen Gassen und amerikanischen HochhĂ€usern vor der Kulisse des einst grĂ¶ĂŸten Binnenhafens Nordamerikas. Das 1642 gegrĂŒndete MontrĂ©al hat mit seinen historischen BrĂŒchen und seiner weltlĂ€ufigen Zweisprachigkeit Ähnlichkeit mit Berlin, wo ich – aufgewachsen in der NĂ€he von GĂŒtersloh – seit 17 Jahren lebe.

First We Take Manhattan. Ein MontrĂ©al-Besuch beginnt unweigerlich in der Altstadt; in Vieux-­MontrĂ©al schlendert man vorbei an historischen GebĂ€uden und Pop-up-Boutiquen. Ich trinke gern einen Aperol Spritz auf der Terrasse Nelligan (106, rue Saint-Paul O., 5. Etage). Vom nahen Bota-Bota-Wellness-Schiff, das im Sankt-Lorenz-Strom vor Anker liegt, blickt man auf die Brutalismus-Siedlung ­Habitat 67 von Moshe ­Safdie. Die gegenĂŒber der Altstadt gelegene Île Ste-HĂ©lĂšne gehörte 1967 zum AusstellungsgelĂ€nde der Expo. Aus der Zeit sind noch einige Relikte zu finden, wie etwa die ­BiosphĂšre von Buckminster Fuller, in der heute ein Umweltmuseum untergebracht ist.

Hallelujah. In MontrĂ©al kann man sehr gut essen! FĂŒr das QuĂ©bequer Nationalgericht Poutine – obwohl auf Französisch genauso geschrieben, hat die Kombination aus Pommes, KĂ€se und Bratensauce nichts mit dem russischen PrĂ€sidenten zu tun – empfehle ich das von Donnerstag bis Samstag 24 Stunden geöffnete Chez Claudette (351, Laurier Ave E). Inzwischen gibt es Poutine etwa auch mit Guacamole oder Hummer, aber ich mag die klassische Variante am liebsten. Ein neuer kulinarischer Hotspot ist der Time Out Market im Centre Eaton (705, Saint-Catherine St W). Dort kochen auf 40.000 Quadratmetern an kleinen StĂ€nden die besten Köche der Stadt. Der letzte Schrei: ­Sconuts, eine Mischung aus Scones und Donuts. Ende des Jahres wird das Eaton Restaurant im neunten Stock (Le 9e), eine Art-dĂ©co-Ikone von 1931, nach 24 Jahren wiedereröffnet!

True Love Leaves No Traces. Wenn Sie in ­MontrĂ©al nur in ein Museum gehen können, dann sollte es das MusĂ©e des Beaux-Arts (1380, Sherbrooke St W) sein, das in Nordamerika seines­gleichen sucht: Es lohnt schon allein wegen der Inuit-Kunst und der abstrakten GemĂ€lde von Jean-Paul Riopelle. Danach sollte man Leonard Cohen einen Besuch abzustatten – beziehungsweise dem Konterfei des 2016 verstorbenen Songwriters, einem 300 Quadratmeter großen Streetart-GemĂ€lde in der Rue Crescent. Weil ich Cohen verehre, habe ich mich kĂŒrzlich auch auf den Weg zu seinem Grab auf dem Friedhof Mont-Royal (1297, Foret Rd) gemacht. Da dort sehr viele Cohens begraben liegen, war es gar nicht so leicht zu finden, ein FriedhofsgĂ€rtner musste mir helfen. Gleich nebenan befindet sich der grĂ¶ĂŸte bewaldete Park der Stadt. Sieben weitere Fans und ich standen an der betont bescheidenen, nur mit einem Fedorahut geschmĂŒckten GrabstĂ€tte, und wir alle hatten dabei vermutlich einen von Cohens Songs im Ohr.

 

HEIKE MARIA JOHENNING, Jahrgang 1968, ist Dolmetscherin fĂŒr Französisch und Russisch. Als Autorin veröffentlichte sie vor Jahren den ersten deutsch­en Reise­fĂŒhrer zu MontrĂ©al. Bei DOM publishers erschienen von ihr schon BĂŒcher zu Baku, Kiew, Tiflis, Krakau und Sankt Petersburg. Foto: privat

 

"Nichts ist nachhaltiger als dicht besiedelte urbane RĂ€ume"

StĂ€dte, die auf Menschen zugeschnitten sind – das ist das zentrale Anliegen von Karsten PĂ„lsson. Hier spricht der Autor unseres Buchs Urban Block CitiesÂ ĂŒber das Ideal der Blockrandbebauung, seine Heimatstadt Kopenhagen und den Wiederaufbau in der Ukraine.

 

Interview: Björn Rosen
Foto: PĂ„lsson in seinem Kopenhagener BĂŒro, © palssonurbanism.com 

 

Herr PĂ„lsson, Ihre Heimatstadt ­Kopenhagen spielt eine zentrale Rolle in Ihren BĂŒchern. Inwiefern hat sie Ihren Blick auf Urbanismus geprĂ€gt?

Ich bin im Zentrum von Kopenhagen aufgewachsen, in einem Stadtteil, dessen Bebauung um 1900 in Anlehnung an Ă€hnliche Viertel in Berlin oder Wien entstand. Ein wunderbarer Ort, der NĂ€he und Distanz verbindet. Man hat dort seine PrivatsphĂ€re, aber wenn man auf die Straße hinaustritt, wird man zum Teilnehmer am öffentlichen Leben, lernt, mit unterschiedlichsten Menschen umzugehen. Die Wege sind kurz: Ich konnte mit dem Fahrrad zur Schule fahren und die Straßenbahn brachte einen schnell ĂŒberallhin. Zwar waren die Hinterhöfe in meiner Kindheit schmutzig und dunkel, aber im Zuge der Stadterneuerung hat man sie in den 1990er Jahren begrĂŒnt. Auch in den 1920er und 1930er Jahren, als sich Europas GroßstĂ€dte stark entwickelten, gab es beispielhafte Projekte: grĂ¶ĂŸere Stadtblöcke, die von Beginn an grĂŒne Innenhöfe besaßen.

Kritiker könnten Ihnen vorwerfen, rĂŒckwĂ€rtsgewandt zu sein.

Das ist ein Irrtum. Wir reden heute viel ĂŒber Nachhaltigkeit: Nichts ist nachhaltiger als dicht besiedelte urbane RĂ€ume. Die Viertel, ĂŒber die ich eben sprach, sind es schon allein deshalb, weil es sie mehr als 100 Jahre nach ihrer Errichtung und trotz unterschiedlichster Nutzung ĂŒber die Jahrzehnte immer noch gibt und sie nach wie vor sehr populĂ€r sind. In einer Stadt wie Berlin zieht es die Menschen in Stadtteile mit dichter Blockrandbe­bauung wie Prenzlauer Berg und Friedrichshain, Plattenbauquartiere sind trotz Sanierung wenig populĂ€r. Ich spreche mich auch nicht gegen moderne Architektur aus. Moderne Architekten sind sehr gut darin, Orte zum Leben zu schaffen, aber nicht daran interessiert, eine dichte Stadt zu bauen.

Was ist fĂŒr Sie ein positives Beispiel fĂŒr Stadtentwicklungsprojekte jĂŒngerer Zeit?

Sluseholmen, ein Viertel im SĂŒden Kopenhagens, wo sich einst Hafenanlagen befanden. Die Entwicklung dort begann im Jahr 2000. Heute ist das eine urbane Siedlung am Wasser mit vier- bis sechsgeschossigen GebĂ€uden und begrĂŒnten Höfen, HochhĂ€user gibt es keine. Die Architektur ist sehr abwechslungsreich. Hinzu kommen Wasserstraßen, Gassen und PlĂ€tze. Ein gelungenes Viertel zeichnet sich dadurch aus, dass man nicht nur komfortabel in seinen HĂ€usern wohnen, sondern dort auch einen interessanten Spaziergang machen kann.

Kopenhagen steht in diesem Jahr als Welthauptstadt der Architektur inter­national im Rampenlicht. Ihr Bezugspunkt ist der europĂ€ische StĂ€dtebau – lassen sich dessen Prinzipien auf andere Teile der Welt anwenden?

Ich denke, dass es ein universelles BedĂŒrfnis gibt, ein Zuhause, ein GefĂŒhl lokaler Zugehörigkeit und sichere Straßen zu haben. Die europĂ€ische Stadttradition ist insofern einzigartig, als sie offene Fassaden in Richtung der öffentlichen Straßen besitzt. Die Tradition in Lateinamerika beispielsweise sieht anders aus, dort gibt es "geschlossene" HĂ€user mit privaten Innenhöfen. In dieser Hinsicht, denke ich, hat die europĂ€ische Tradition anderen Kulturen durchaus etwas zu bieten.

Innerhalb der Reihe Histories of ­Ukrainian Architecture, die DOM publishers in Reaktion auf den russischen Angriff im ­Februar 2022 aufgelegt hat, erscheinen Ihre zwei BĂŒcher zur Stadtplanung nun auch auf ­Ukrainisch. Was erhoffen Sie sich davon?

Dass sie Inspiration sind fĂŒr BĂŒrger, Architekten und Politiker in der Ukraine. In meinem zweiten Buch Urban Block Cities findet sich etwa eine Entwurfsskizze, die ich fĂŒr ein neu zu bebauendes Gebiet in Kopenhagen angefertigt habe. Solche Beispiele könnten beim Wieder­aufbau zerstörter StĂ€dte helfen. Im neuen Kulturzen­trum Ukrainian House in Kopenhagen habe ich gelernt, dass die Ukrainer schon seit vielen Jahren gegen den Einfluss von Oligarchen und fĂŒr mehr Demokratie in Entscheidungsprozessen und eine menschengerechtere Stadtplanung kĂ€mpfen. Mich hat das in meiner Auffassung bestĂ€rkt, dass meine Thesen in der Ukraine von Interesse sein könnten: In den kommenden Monaten und Jahren werden dort viele Architekten aus dem Westen vorstellig werden. Ich sehe die Gefahr, dass dann ĂŒberall schön gestaltete Enklaven entstehen, gated communities, aber kein gelungener Urbanismus.  

Wie kann dies aus Ihrer Sicht verhindert werden?

Meine Botschaft lautet: Die Ukraine sollte sich darauf konzentrieren, eine öffentliche Stadtplanung zu eta­blieren, eine Kombination aus zentraler Planung und BĂŒrgerbeteiligung. Im Mittelpunkt sollte zunĂ€chst immer der öffentliche Raum mit Straßen, PlĂ€tzen und Monumenten stehen. NatĂŒrlich ist das eine große Herausforderung. Aus eigener Erfahrung in DĂ€nemark weiß ich, dass wirtschaftliche Interessen oft alles andere in den Hintergrund treten lassen. Ich hoffe, die Ukrainer können manches besser machen als wir.

 

KARSTEN PÅLSSON, Jahrgang 1947, ist als Architekt auf die Themen Stadterneuerung, Nachverdichtung, Instandhaltungsplanung sowie auf die Umgestaltung von Wohnblöcken und anderen GebĂ€uden spezialisiert. Er war als Berater unter anderem fĂŒr das dĂ€nische Ministerium fĂŒr Wohnungswesen und stĂ€dtische Angelegenheiten tĂ€tig. Mehr auf seiner Website: palssonurbanism.com

Garbatella: Die schillernde Geschichte des römischen Viertels

Seit sechs Monaten ist Giorgia Meloni italienische MinisterprĂ€sidentin. Aufgewachsen ist die umstrittene Politikerin in Garbatella, im SĂŒden Roms. Das Arbeiterquartier hat eine schillernde Geschichte: Es entstand in der Zeit des Faschismus – und gilt als linke Hochburg.

 

Text: Damien Leaf
Foto: Das Teatro Palladium (1926/27, Innocenzo Sabbatini) gehört heute zur UniversitĂ€t Roma Tre. © Creative Commons/Sergio D’Afflitto

 

»Ich stamme aus Garbatella, manchmal kommt diese Seele durch«, hat ­Giorgia Meloni, seit Oktober 2022 MinisterprĂ€sidentin von Italien, einmal gesagt. Damit wollte die 45-JĂ€hrige ihren oft unbeherrschten, rĂŒpeligen Ton erklĂ€ren. Garbatella ist ein landesweit bekanntes ­Arbeiterviertel im SĂŒden der italienischen Hauptstadt Rom. Die Politikerin wuchs dort ab ihrem dritten Lebensjahr auf. Dass Meloni, Vorsitzende der rechtsnationalen Fratelli d’Italia – manchmal wird die Partei auch als postfaschistisch klassifiziert, weil ihre VorgĂ€ngerorganisationen offen auf den Faschismus Bezug nahmen –, ausgerechnet aus diesem Stadtteil kommt, sei »eine Ironie der Geschichte, aber zugleich schlĂŒssig«, schreibt die SĂŒddeutsche Zeitung.

TatsĂ€chlich ist die Entstehung des Quartiers eng mit dem diktatorischen Regime von Benito Mussolini verbunden. 1920 gegrĂŒndet, wurde Garbatella zunĂ€chst nach den Prinzipien der Gartenstadtbewegung gestaltet: niedrige HĂ€user und viel Platz, um zum Beispiel GemĂŒse und Obst anzubauen. Unter den Faschisten, die 1922 die Macht ĂŒbernahmen, Ă€nderte sich das: Sie setzten stark auf den Bau von Wohnungen. Dieser war nicht zuletzt nötig geworden, weil ­Mussolini auf der Suche nach antiker imperialer GrĂ¶ĂŸe die Altstadt Roms freilegen ließ und viele Leute dadurch ihre Bleibe verloren.

Garbatella, gelegen in Nachbarschaft zu den Industriebetrieben von Ostiense, wurde nun verdichtet: Große Wohnbauten entstanden, aber auch Schulen, Theater, eine Badeanstalt.  Die Abrissbetroffenen aus der Altstadt zogen Ende der Zwanzigerjahre in »Alberghi ­ suburbani«. UrsprĂŒnglich nur als Übergangslösung mit gemeinsamen KĂŒchen, SpeisesĂ€len und Kindereinrichtungen gedacht, wurden ihre InnenrĂ€ume schließlich zu abgeschlossenen Wohneinheiten umgestaltet. Diese eindrucksvollen, in unterschiedlichen Farben gehaltenen Komplexe nach EntwĂŒrfen von Innocenzo Sabbatini (1891–1983) sind die bekanntesten GebĂ€ude des Viertels und in ihrem Stil schwer einzuordnen.

Charakteristisch fĂŒr ­Garbatella ist seine bauliche und stĂ€dtebauliche Vielfalt. »In der ersten HĂ€lfte der faschistischen Herrschaft hatten die Architekten relativ viel Freiraum, fĂŒr diese Zeit sind auch regionale Stile prĂ€gend«, sagt Sozialwissenschaftler und Stadtplaner Harald Bodenschatz, dessen Standardwerk StĂ€dtebau fĂŒr ­Mussolini nun in einer erweiterten Neuauflage erschienen ist. »Unser Bild faschistischer Architektur ist von der spĂ€ten Phase mit seiner nationalen Einheitsarchitektur geprĂ€gt.«

Das bauliche Erbe des Viertels fĂŒhrte jedoch nicht dazu, dass dieses zu einer Hochburg der Rechten wurde. Im Gegenteil. Lange galt ­Garbatella als ausgesprochen links. ­Melonis politische Ideen – mit 15 Jahren trat sie der Jugendorganisation des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano bei – entstanden wohl in Abgrenzung zu ihrer Umgebung, in der sie eine Kindheit und Jugend mit HĂ€rten durchlebte. Trotzdem spricht sie mit Nos­talgie von dem Quartier, vielleicht auch zur Selbstinszenierung. Garbatella dominieren bis heute Sozialwohnungen. »Zugleich gibt es Anzeichen einer Gentrifizierung«, sagt Bodenschatz. Der Guardian wĂ€hlte es gar zu einem der »zehn coolsten Viertel Europas«.

Unsere verlegerische Antwort auf den Krieg

Vom multiethnischen Erbe Osteuropas bis zum Wiederaufbau nun zerstörter StÀdte: Mit unserer neue Reihe Histories of Ukrainian Architecture wollen wir ukrainischen Forschern, Architekten, Stadtplanern und Autoren international eine Stimme geben.

 

Foto: Nataliia Mysak, Architektin und Stadtforscherin aus dem westukrainischen Lwiw, wird in der neuen Reihe das Buch Large Housing Estates in Ukraine veröffentlichen. © Philipp Meuser

 

In Reaktion auf den russischen Angriff im Februar 2022 hat DOM publishers das Programm Histories of Ukrainian Architecture ins Leben gerufen. In KĂŒrze werden wir nun die ersten BĂŒcher dieser neuen Reihe, die als Teil unserer Grundlagen erscheinen, veröffentlichen. Dazu gehören Titel, die sich mit dem multiethnischen Erbe Osteuropas oder den Bauten aus der Sowjetzeit auseinandersetzen, ebenso wie solche, die den Wiederaufbau jetzt zerstörter StĂ€dte ins Auge fassen. Einige der BĂŒcher erscheinen auf Deutsch und Englisch, andere auf Ukrainisch. Unser Ziel: Ukrainischen Autoren außerhalb ihres Heimatlandes mehr Gehör zu verschaffen, das Wissen ĂŒber die Architekturgeschichte zu erweitern und die SouverĂ€nitĂ€t der Ukraine zu stĂ€rken. DarĂŒber hinaus werden in der preisgekrönten Reihe der ArchitekturfĂŒhrer TitelÂ ĂŒber Kyjiw und Charkiw (jeweils auf Englisch und Ukrainisch) veröffentlichen. Sie ergĂ€nzen zwei BĂŒcher, die wir bereits vor einigen Jahren herausgebracht haben: einen deutschsprachigen ArchitekturfĂŒhrer zur ukrainischen Hauptstadt und einen Band zur baubezogenen Kunst von 1960 bis 1990.