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"Die Milieus, die Berlins innere Stadtviertel geprägt haben, werden in den nächsten zehn bis 20 Jahren von dort verschwinden"

Die deutsche Hauptstadt in ihrer jetzigen Form feierte gerade 100. Geburtstag – anlässlich der großen Jubiläums-Ausstellung ist bei DOM publishers das Buch Unvollendete Metropole erschienen, das einen Blick zurück nach vorn wirft. Denn heute, nach Krieg und Teilung, boomt der Berliner Ballungsraum wieder. Was lässt sich aus der Geschichte lernen? Wie sollte die Stadt mit dem neuen Wachstum umgehen? Wir haben zwei Experten und Wahlberliner zusammengebracht: den Sozialwissenschaftler Harald Bodenschatz und den Architekturtheoretiker Philipp Oswalt. Ein Gespräch über den Dauerwaldvertrag von 1915, die Mietpreisbremse und schwarze BMWs in den Straßen.

 

Interview: Björn Rosen, Anselm Weyer

 

Herr Bodenschatz, am 1. Oktober 1920 entstand »Groß-Berlin«: Vormals eigenständige Städte wie Charlottenburg und Lichtenberg wurden damals eingemeindet. Sie sind einer der Kuratoren der großen Jubiläums-Ausstellung – sie trägt den Namen »Unvollendete Metropole«. Was muss denn an Berlin noch vollendet werden?

BODENSCHATZ. Natürlich ist jede Großstadt in permanenter Veränderung begriffen. Ich denke, für Berlin gilt das ganz besonders. Aufgrund seiner Geschichte, aber auch der Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen: Die Stadt wächst – in die Fläche hinein, weit über ihre Grenzen hinaus. 1920 führten zwei wichtige Gründe zur Schaffung von Groß-Berlin. Zum einen wollte man das Chaos beenden, das durch die kommunale Konkurrenz bei der Infrastruktur entstanden war, zum anderen einen Ausgleich zwischen reichen und armen Kommunen finden. Dabei gab es einen Geburtsfehler, der bis heute nachwirkt: Die Kooperation mit Brandenburg wurde zwar angesprochen, aber nie vertieft. 

Plädieren Sie für eine Länderfusion, wie sie bei der Volksabstimmung 1996 an Brandenburg scheiterte?

BODENSCHATZ. Die Brandenburger hatten damals den Eindruck, dass sie in einem gemeinsamen Bundesland nicht mehr genug zu sagen hätten, weil ihr Anteil an der Einwohnerzahl unter 50 Prozent liegen würde. Ich stamme aus München, und dass es hier zwei Länder gibt, die angeblich nichts miteinander zu tun haben, ist aus bayerischer Sicht vollkommen absurd. Jetzt in der Coronakrise waren alle ganz begeistert, als anfangs die Brandenburger Gesundheitsministerin mit ihrer Berliner Amtskollegin telefonierte – also, das kann’s doch wirklich nicht sein! Wenn eine Fusion nicht gangbar ist, dann brauchen wir zumindest viel stabilere Formen der Kooperation, zum Beispiel einen Regionalrat.

OSWALT. Ich stimme zu. Allerdings weiß man aus der Erfahrung mit Regionalverbänden auf kleinerer Ebene, dass so etwas nur sehr begrenzt funktioniert. Umso eindrucksvoller ist, was 1920 geleistet wurde! Würde man heute etwas Ähnliches vorschlagen, würde man für verrückt erklärt. Eine solch radikale strukturelle Veränderung war nur in der politisch instabilen Übergangsphase nach Krieg und Revolution möglich. In seiner Relevanz für die Stadtentwicklung kann man diesen Schritt gar nicht hoch genug einschätzen. Ein zweiter Punkt, damit zusammenhängend: Damals hat man fünf große Forstgebiete, den Grunewald, den Tegeler, Spandauer, Köpenicker und Grünauer Forst, aufgekauft. Sie wurden verstaatlicht, um sie von künftiger Bebauung freizuhalten …  

BODENSCHATZ. … der sogenannte Dauerwaldvertrag wurde sogar schon 1915 geschlossen. Auch beim Wettbewerb Groß-Berlin von 1910 spielte das städtische Grün eine zentrale Rolle.

OSWALT. Davon zehren wir und auch die künftigen Generationen ganz substanziell. Die großzügigen, stadtnahen Grünräume gehören zu den herausragenden Qualitäten Berlins. Eine Glanzleistung der Stadtplanung im 20. Jahrhundert.

 

 

UNSERE GESPRÄCHSPARTNER 

HARALD BODENSCHATZ, Jahrgang 1946, im Bild links zu sehen, ist Sozialwissenschaftler und Stadtplaner. Der gebürtige Münchner war viele Jahre Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin. Er gehört zu den Machern der Ausstellung »Unvollendete Metropole. 100 Jahre Städtebau für (Groß-)Berlin« im Kronprinzenpalais Unter den Linden; derzeit ist diese Corona-bedingt nur online zu sehen. Bei DOM publishers veröffentlichte Bodenschatz unter anderem Städtebau in Berlin. Schreckbild und Vorbild für Europa sowie zuletzt Städtebau unter Salazar.

 

PHILIPP OSWALT, Jahrgang 1964, ist Architekt und Professor für Architekturtheorie und Entwerfen  an der Universität Kassel. Nach Berlin, wo er heute lebt, kam der gebürtige Frankfurter das erste Mal zum Studium. Oswalt hat in Architekturdebatten immer wieder streitbar Position bezogen. So wandte er sich unter anderem gegen den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Bei DOM publishers veröffentlichte Oswalt zuletzt Berlin. City Without Form.

 

 

Herr Oswalt, durch Krieg und Teilung war Berlin auch in anderer Hinsicht lange eine Stadt der Freiräume. Doch Brachen, Baulücken und vernachlässigte Gebäude, in denen sich die legendäre Party- und Kulturszene entwickelte, verschwinden. Sie haben sich seit den Neunzigerjahren immer wieder in Berliner Architekturdebatten zu Wort gemeldet. Sind die Lücken aus Ihrer Sicht klug geschlossen worden?

OSWALT. Pauschal lässt sich das nicht beantworten, die Architekturqualität ist sehr heterogen. Ohne nos­talgisch werden zu wollen: Das Zubauen der Leerstellen ist natürlich auch ein Verlust. Brachen haben neuen Akteuren die Möglichkeit gegeben, Stadt mitzugestalten. Nur kann und sollte man solche Biotope nicht dauerhaft musealisieren. Eine Metropole befindet sich, wie erwähnt, im ständigen Umbruch. Für mich stellt sich die Frage, wie man diese räumliche Qualität fortführen und eine gewisse Durchlässigkeit für Stadtgestaltung – die Demokratisierung urbaner Prozesse – auf neue Weise schaffen kann. Und wie man bei Erhöhung der Dichte solche Freiräume auch weiterhin bereitstellen kann. Ein positives Beispiel ist das »Haus der Statistik« am Alexanderplatz.

Der DDR-Gebäudekomplex sollte abgerissen, das Grundstück verkauft werden. Künstler besetzten das Haus. Inzwischen hat der Bezirk Mitte mit verschiedenen Initiativen einen Plan für die Sanierung und eine gemischte Nutzung entwickelt.

BODENSCHATZ. Ein riesiges Gelände in äußerst zentraler Lage – in Paris oder London unvorstellbar! Ich finde auch positiv, dass in den vergangenen Jahrzehnten zahllose Parks entstanden sind. Es gibt eine regelrechte neue Parklust. Man muss aufpassen, dass die Debatte über diese Fragen anhält. Nur so können einzelne Projekte wie das »Haus der Statistik« überhaupt gelingen.  

OSWALT. Alternative Projektentwicklungen wie Exrotaprint, das »Spreefeld« und das Areal um die ehemalige Blumengroßmarkthalle mit Genossenschaftsmodellen oder auch die Baugruppen wären andere Beispiele. Konzeptuell bedeutsam, aber im Verhältnis zum Immobiliengeschehen insgesamt quantitativ bislang eher Marginalien. Es hat sehr lange gebraucht, bis das offizielle Berlin kapiert hat, was es mit dem, wofür die Stadt in den Neunzigerjahren so beliebt war, auf sich hatte. Erst rund 15 Jahre nach dem Mauerfall begann die Politik, sich diesen Prozessen zu öffnen.

 

»Im internationalen Vergleich ist Berlins Entwicklung nicht besonders dynamisch. Wir sind hier eine unheimliche Behäbigkeit gewohnt.« – Philipp Oswalt 

 

Ein populärer Freiraum ist das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Nach einem Volksentscheid bleibt die innerstädtische Fläche – so groß wie 450 Fußballfelder – unbebaut. Wäre es nicht sinnvoller, dort Wohnungen zu bauen? Berlins Einwohnerzahl steigt seit Jahren, und bis 2030 soll eine weitere Viertelmillion Menschen hinzukommen.

BODENSCHATZ. Einen Volksentscheid in dieser Form abzuhalten – mit einem dermaßen unflexiblen Ergebnis »bebauen« oder »nicht bebauen« –, ist grundsätzlich wenig sinnvoll. Ich finde es auch falsch, dort überhaupt keine Gebäude zu errichten. Über kurz oder lang wird man die Entscheidung sicher revidieren. Hoffentlich auf gute Weise.

OSWALT. Zum einen möchte ich ergänzen: Im internationalen Vergleich ist Berlins Entwicklung nicht besonders dynamisch. Wir sind hier eine unheimliche Behäbigkeit gewohnt. Die heutige Einwohnerzahl von vier Millionen war schon 1910 erreicht. Seitdem hat Berlin viel erlebt, aber bevölkerungsmäßig ist es stagniert. Zum anderen hat ein gutes Dutzend anderer deutscher Großstädte ebenfalls mit Wohnraummangel zu kämpfen. Das liegt auch daran, dass es inzwischen mehr Haushalte und mehr Wohnfläche pro Kopf gibt.

Sie selbst wohnen zentral, im Stadtteil Schöneberg. Wie erleben Sie die Veränderungen?

OSWALT. Wenn Freunde aus dem Kiez eine neue Wohnung suchen, weil sie sich getrennt oder Kinder bekommen haben, dann finden sie hier keine bezahlbare mehr. Gleichzeitig sieht man SUVs oder schwarze BMWs in den Straßen, die gab es früher nicht. Die Milieus, die Berlins innere Stadtviertel geprägt haben, werden in den nächsten zehn bis 20 Jahren von dort verschwinden. Mit Gentrifizierung hat das übrigens wenig zu tun, ich finde es problematisch, dass immer dieser Begriff verwendet wird. Es handelt sich um Globalisierungsphänomene und Folgewirkungen der Finanzmarktkrise von 2008. Das Kapital kommt von überallher, manchmal handelt es sich um Steuerspar- und Geldwäschemodelle. Das Preisniveau in Berlin ist im Vergleich zu anderen internationalen Metropolen noch immer niedrig, und die Investoren können davon ausgehen, dass das in der Hauptstadt eines wirtschaftlich starken Staates wie Deutschland nicht so bleiben wird. Eine sichere Anlage.

Was sollte die Politik tun?

OSWALT. Naheliegend wäre, den Zufluss von ausländischem Geld zu limitieren. Natürlich nicht, weil man gegen Ausländer ist, sondern um den eigentlichen Nutzern mehr Kontrolle über das Geschehen vor Ort zu geben. Länder wie Kanada, Polen oder Dänemark machen das schon so. Zudem bin ich dafür, Grund und Boden nach Möglichkeit dem Handel zu entziehen und Projekte in Erbpacht zu entwickeln. Das ist ein wirksames Instrument, um spekulatives Geschehen auszubremsen.

 

»Man sollte vorsichtig sein, zu glauben, dass nur die Innenstadt ein guter Standort ist und jeder, der nach draußen zieht, ein bemitleidenswertes Opfer.« – Harald Bodenschatz

 

Für den Moment hat das Land Berlin mit einer Mietpreisbremse reagiert. Kritiker beklagen, es handele sich um ein kontraproduktives Instrument, weil es die Schaffung neuen Wohnraums unattraktiv mache.

BODENSCHATZ. Die Mietpreisbindung ist eine Antwort auf soziale Bewegungen, die viel radikalere Forderungen gestellt haben. Zu diesen gehörte etwa die Enteignung von Immobilienunternehmen wie »Deutsche Wohnen« – wofür es laut einer Umfrage sogar große Akzeptanz in der Bevölkerung gab. Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Situation für einen erheblichen Teil der Bewohner wirklich dramatisch ist. Und durch Neubauten wird man die Bestandsmieten nur begrenzt beeinflussen können. Zentrales Problem ist das Abschmelzen des Bestands an Sozialwohnungen. Kluge Köpfe haben das schon vor 20 Jahren angesprochen, als wir noch 100.000 Wohnungen Leerstand hatten. Die Entwicklung war absehbar. Die Politik hoffte einfach darauf, dass die Stadt nicht mehr wachsen würde.

Inzwischen findet eine starke Verdrängung an den Stadtrand und darüber hinaus statt.

BODENSCHATZ. Man sollte vorsichtig sein, zu glauben, dass nur die Innenstadt ein guter Standort ist und jeder, der nach draußen zieht, ein bemitleidenswertes Opfer. Ein großer Teil der Leute will gar nicht unbedingt in der Innenstadt leben. Worauf es allerdings ankommt, ist, das Leben in der Außenstadt und in den Umlandgemeinden zu verbessern, zum Beispiel durch noch mehr Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

OSWALT. Nach Einführung der U-Bahn gab es in diesem Bereich fast 100 Jahre kaum Innovationen. Meint man es mit der Verkehrswende ernst, braucht es jetzt radikale Entwicklungen – gerade, wenn man die Stadt größer, einschließlich des Umlands denken will. Insofern finde ich die Diskussion um große Fahrradtrassen nach dem Vorbild etwa Kopenhagens richtig. Aber in einer weit ausgedehnten Stadt wie Berlin mit vier Millionen Einwohnern muss es auch darum gehen, wie der öffentliche Nahverkehr helfen kann, schnell große Entfernungen zu überwinden. In New York gibt es zum Beispiel »Rapid Trains«, die nur alle paar Stationen halten.

BODENSCHATZ. Es ist ein Unding, wie wenig in den schienengebundenen Nahverkehr investiert wird, gerade wenn man das mit einer Stadt wie Moskau oder asiatischen Metropolen vergleicht. Es reicht sogar schon ein Blick nach Paris: Dort werden derzeit neue bahnbezogene Verkehrslinien für die Stadtregion entwickelt …

… als Teil der großen Reform des Ballungsraums …  

BODENSCHATZ. … und an den Haltestellen stampft man ganze Orte aus dem Boden. In Berlin dagegen dauert es ewig, bis mal irgendwo eine Straßenbahnlinie um einen Kilometer verlängert ist. Wir bräuchten da wirklich einen enormen Schub vorwärts.

 

»Es ist ein Unding, wie wenig in den schienengebundenen Nahverkehr investiert wird, gerade wenn man das mit einer Stadt wie Moskau vergleicht.« – Harald Bodenschatz

 

Wie lassen sich Großsiedlungen am Stadtrand attraktiver gestalten, wie vermeidet man Ghettoisierung?

OSWALT. Die Voraussetzungen dafür sind in Berlin recht gut. Im Westteil der Stadt konnte man während der Teilung sowieso nur innerhalb der Mauer bauen, aber auch im Osten waren die Großsiedlungen immer Ergänzung an den Stadtkörper. Ganz im Gegensatz etwa zu den französischen Banlieues, die irgendwo weit draußen liegen. Berlin hat in den vergangenen 150 Jahren eine erstaunliche Kompaktheit entwickelt. Es wäre wünschenswert, dies fortzuführen. Ein wichtiger Punkt ist die Heterogenität der Bauweise. In solchen Lagen kann etwa verdichtete Flach- mit Hochhausbebauung kombiniert werden. Da gibt es Ideen der klassischen Avantgarde, die man wieder aufgreifen sollte.

BODENSCHATZ. Auf alle Fälle darf man die Großsiedlungen nie als Inseln behandeln, sondern muss sie maximal mit den Wohnanlagen der Umgebung vernetzen. Zum Beispiel in den Schulen, dort sollten Menschen aus dem ganzen Bezirk zusammenkommen. Auch die Belegungspolitik spielt eine große Rolle. Im Moment geht sie meines Erachtens in eine falsche Richtung: Die landeseigenen Wohnungsgesellschaften werden unter Druck gesetzt, dort mehr Bedürftige unterzubringen. Doch es darf nicht sein, dass man all diejenigen, die keine Chance mehr haben, in diesen Siedlungen konzentriert. Leider erleben wir derzeit auch eine ähnliche Situation, wie es sie vor 1920 gab: Die Umlandgemeinden wollen natürlich auf keinen Fall, dass ärmere Bevölkerung in ihre Wohnanlagen eindringt.

Herr Bodenschatz, wie stark ähneln die heutigen Debatten jenen von damals?

BODENSCHATZ. All die aktuellen Fragen standen auch um 1920 auf der Tagesordnung. Bezahlbarer Wohnraum, Verkehr – damals dachte man freilich stark in Richtung autogerechten Ausbau. Unter Gustav Böß, in den Zwanzigerjahren Oberbürgermeister, waren sogar Hochstraßen nach US-Vorbild im Gespräch. Der Werkwohnungsbau, der in Berlin nie eine besondere Tradition hatte, spielte punktuell eine große Rolle. Ich denke, wenn sich das Wohnungsproblem weiter verschärft, müssen sich die Firmen auch heute wieder Gedanken machen, wie sie ihre Leute unterbringen.

 

»Wir haben es mit der komischen Situation zu tun, dass es sich fast um eine Schlafstadt handelt. Berlin zieht ein bestimmtes Milieu an, das gern hier lebt, aber zum Arbeiten nach draußen pendelt: nach Hamburg, Leipzig, Frankfurt.« – Philipp Oswalt 

 

Herr Oswalt, während der Coronakrise haben sehr viele Firmen auf Heimarbeit umgestellt, und das funktioniert erstaunlich gut. Warum sollte man in Zeiten der Digitalisierung überhaupt in einer zunehmend teuren Metropole wie Berlin leben?

OSWALT. Dass es die Leute in die großen Städte zieht und sich die peripheren, ländlichen Regionen entvölkern, ist ein langfristiges, globales Phänomen. Ich glaube nicht, dass der neue »Zoom«-Boom diesen Trend brechen wird. Und gerade was Berlin angeht, haben wir es mit der komischen Situation zu tun, dass es sich fast um eine Schlafstadt handelt. Berlin zieht ein bestimmtes Milieu an, das gern hier lebt, aber zum Arbeiten nach draußen pendelt: nach Hamburg, Leipzig, Frankfurt. Das können Sie am Zugfahrplan ablesen. Die komplette Inversion einer klassischen Großstadt. Total verrückt.

BODENSCHATZ. Zumal wenn man sich vor Augen führt, dass hier in den Zwanzigerjahren noch die wichtigen Banken und Konzerne ansässig waren. Alle weg! Das gibt es so in keiner Hauptstadt oder zentralen Großstadt eines anderen Landes. Eine enorme Besonderheit, die natürlich mit der Geschichte zu tun hat, und die gerne zugedeckelt wird mit dem Hinweis auf die derzeit guten Wachstumsraten. Klar, wenn man ganz unten anfängt, sind die Wachstumsraten automatisch eindrucksvoll.

Andererseits genießt Berlin heute weltweit eine ungeheure Popularität.

BODENSCHATZ. Nur bemerkt das in Deutschland keiner so richtig. Mich erinnert die Situation an Rom, das auch relativ spät Hauptstadt wurde und im eigenen Land bis heute nicht als führende Stadt anerkannt ist. Im Falle Berlins kommt ein sehr interessanter Gegensatz hinzu. Im Ausland wird die Stadt viel positiver gesehen als das Land, das sie repräsentiert. Das könnte eine unglaubliche Chance sein für Berlin – wenn man sie nutzen würde. Berlin als Botschafter für ein heiteres, tolerantes, protestfreudiges, antiautoritäres, nicht ganz so ordentliches Deutschland. Eigentlich eine Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit für den Staat wie die Stadt. Aber ein wenig ordentlicher dürfte Berlin schon sein.

 

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Zwischenstopp in: Toulouse

Christof Göbel, Mit-Herausgeber unseres Architekturführers über Toulouse, ist seit mehr als zwei Jahren zu Gast in der südwestfranzösischen Metropole. Was dem Stadtforscher dort besonders gut gefällt: Gewässer, Parks – und eine Raumstation.

 

Text: Christof Göbel
Foto: Die Garonne und das Hôpital de La Grave, © Gremi357

 

Toulouse ist die viertgrößte Stadt Frankreichs – und sehr charakterstark. Die engen Gassen im Zentrum zeugen von einer langen Geschichte, die bis in die gallo-­römische Zeit zurückreicht. Es ist außerdem Europas Rugby-Hauptstadt und der Ort mit dem Dialekt »le plus sexy de France«, wenigstens behaupten das manche Toulouser. Ich habe Toulouse dank ­eines Forschungsaufenthalts kennen­gelernt und finde es sehr lebenswert.

Wasser. Durch die Stadt verlaufen der Canal du Midi, der das Mittelmeer und den Atlantik verbindet, und die Garonne. Beide prägen Toulouse stark. Ich wohne im Umland, und wenn ich ins Zentrum fahre, zieht es mich oft ans Flussufer: Rund um den Place de la Daurade und den Place Saint-Pierre gibt es viele Cafés und Restaurants, bis spät abends geht es dort quirlig zu; ­Toulouse ist eine junge Stadt – in Frankreich haben nur Paris und Lyon mehr Studenten. Auf der anderen Seite der ­Garonne – einmal über die Saint-Pierre-Brücke – befindet sich ein Museum für zeitgenössische Kunst, in dem interessante Ausstellungen stattfinden: Les Abattoirs (76 Allées Charles de Fitte) besitzt auch einen guten Museumsbuchladen.

Erde. Ich bin seit 2019 zu Gast an der Uni­versität ­Toulouse–Jean Jaurès, Teil eines städtebaulichen Ensembles von Candilis-­Josic-Woods aus den Sechzigerjahren. Leider ist von deren architektonischer Idee nach diversen Umbauten wenig übriggeblieben. Gerne spaziere ich durch die nahe gelegenen Parks. Dort kann man Pigeonniers finden, wie man sie sonst eher außerhalb von Toulouse sieht: große ­Taubenschläge (oft zweistöckig auf ­einem Grundriss von 5 × 5 Metern und mit offenem Erdgeschoss), die je nach Region anders gestaltet sind. Teilweise hat man sie inzwischen zu Wohnungen umgebaut.

Luft. In Toulouse befindet sich ein großes Airbus-Werk, das man auch besuchen kann. Mit der Familie lässt sich die Beziehung der Stadt zur Luft- und Raumfahrt am besten in der Cité de l’espace (Avenue Jean Gonord) erleben, einem interaktiven und lehrreichen Themenpark. Ein Highlight dort sind zum Beispiel die vier Module der Mir-Station, die von 1986 bis 2001 im Weltraum unterwegs war.

 

CHRISTOF GÖBEL ist Mit-Herausgeber und Teil des Autorenteams (auf dem Foto der zweite von rechts) unseres Architekturführers zu Toulouse, der auf Deutsch und auf Französisch erschienen ist. Den aus Deutschland stammenden Architekten und Stadtplaner führte ein Forschungsaufenthalt nach Frankreich. Göbel ist Professor an der UAM in Mexiko-StadtFoto: Maison de l'Architecture Occitanie-Pyrenées  

Congratulations, Francis Kéré!

The architect and DOM author from Burkina Faso is this year's Pritzker Prize winner.

 

Photo: Astrid Eckert

 

On 15 March, Francis Kéré, a native of Burkina Faso, became the first African architect ever to receive the prestigious Pritzker Prize. Kéré was born in 1965 in Gando and has lived in Germany since 1985. His internationally active office Kéré Architecture is located in Berlin. He not only contributed to our Architectural Guide Sub-Saharan Africa, some of his great works are also represented in it, such as Christoph Schlingensief's Opera Village. His contribution to the English-language volume Theorising Architecture in Sub-Saharan Africa is entitled: "Building Commons. An Inventory of a Kampala Neighbourhood". We warmly congratulate Francis Kéré!

Wir unterstützen den Architektur-Nachwuchs

Zum wiederholten Mal beteiligt sich DOM publishers an Deutschland-Stipendien für Studenten der Hochschule ­Anhalt in Dessau.

  

Foto: © privat

 

Dabei handelt es sich um eine Förderung, die zur einen Hälfte vom Bund, zur anderen von privaten Geldgebern – zum Beispiel Stiftungen oder eben Unternehmen – übernommen wird. Die neuen DOM-Stipendiaten heißen Elsa Le und Oskar Schmid. Die monatliche Finanzspritze soll ihnen bei Anschaffungen fürs Studium helfen, etwa wenn es da­rum geht, Material für Architektur­modelle oder Software-Lizenzen zu kaufen.

Elsa Le stammt aus Kanada: Zur Welt kam sie 1993 in Frankreich, verbrachte die längste Zeit ihres bisherigen Lebens aber in ­Montréal. Ein einjähriger Auslandsaufenthalt hatte sie vor einigen Jahren an die TU ­München geführt, ehe sie für ihren Master im August 2020 nach Deutschland zurückkehrte – und damit leider mitten in der Corona-Pandemie. »Ich würde gerne noch mehr reisen, die Welt entdecken«, sagt Elsa. In welchem Bereich sie als Architektin arbeiten möchte, weiß sie noch nicht.

Dagegen hat Oskar Schmid, Jahrgang 1998, aufgewachsen in Unter­franken, eine ziemlich genaue Vorstellung von seinem Traumjob. Neben der Architektur – er studiert im siebten Semester und steht damit kurz vor dem Bachelor­abschluss – begeistert er sich sehr für Musik. Seit seiner Kindheit spielt er Geige und ist heute Teil des Akademischen Orchesters Leipzig. Gerne würde er seine beiden Leidenschaften verbinden. »Das Thema Akustik interessiert mich«, sagt Oskar – und denkt dabei an »Klang­räume«, seien es Konzerthallen oder Proberäume in Musikschulen

The fascinating story behind Moscow's Four Seasons Hotel

Myths surround this luxury accommodation and its peculiar story. For 4000 euros a night you can now stay right next to Red Square where the first Stalinist-style building once stood – it looked exactly the same.

 

Text: Damien Leaf
Foto: © depositphotos (skaliger)

 

On a booking platform, a German tourist praises the ‘great view of the Kremlin’ and an Italian extols the wellness area with its large pool. Judging by the reviews, the Four ­Seasons Moscow has satisfied customers. However, a one-night stay costs at least 800 euros and it can be 4,000 euros for the Premium Suite. The hotel with 180 rooms and suites is located between Red Square and the Bolshoi Theatre and is one of the largest and most exclusive in Russia’s capital – and it has an incredible history.

The latter began in the early 1930s when the Hotel Moskva was built on the same site – it was one of the first new hotel buildings in the Soviet Union. Architecturally, under Joseph Stalin, who had been sole ruler since 1927, the country was undergoing a shift from the avant-garde to neoclassical eclecticism. Part of the shell construction was already in place when the original constructivist plans for the building by Leonid ­Savelyev and Oswald Stapran were abandoned. ‘Stalin wanted a monumental, rather classical and richly decorated building,’ says architectural historian Dmitrij Chmelnizki. The task of adapting the design to the dictator’s taste was given to Alexey Shchusev. ‘He created what can be considered the first Stalinist-style building’: an eight-column, six-storey portico with an open terrace, generous arcaded loggias in the centre of the main façade, and numerous balconies. The corners were accentuated with turrets. Bruno Taut, who was also involved in the designs, later wrote in a letter that Shchusev had taken over his floor plans, but in a distorted form.

Alexey Shchusev, born in 1873, was a special case in that he was one of the very few who had managed to rise to the top of the architectural hierarchy under the tsars and then repeat this success under Soviet rule. His name is associated with a wide variety of styles. He designed churches and the Kazan railway station in Moscow, but also constructivist buildings. He is probably best known for the Lenin Mausoleum of 1924. ‘Under Stalin, Shchusev was one of the country’s most important architects. That was cynicism, he adapted,’ says ­Chmelnizki, who recently published a critical monograph, Alexey Shchusev. Architect of Stalin’s Empire Style, on the architect. There were many myths surrounding the Moskva, the interior of which was furnished with works by the Soviet Union's most respected artists. No wonder: ‘The secret service was involved and everything was top secret. It was a hotel for foreigners and cadres, no normal Muscovite could enter.’

To this day, the legend circulates that the façade was asymmetrical because Stalin put his signature between two different designs and no one dared to ask. ‘In truth, it was just a matter of statics.’ The hotel was expanded in the 1970s, but it came to an end in the turmoil of the post-communist period. In 2002 the building was demolished for obscure reasons and against an initiative of the then Minister of Culture. Ironically, it was rebuilt almost immediately afterwards – with an asymmetrical façade true to the original.

Architecture Articulated: Unser Programm

In unserer Online-Reihe Architecture Articulated sprechen Autoren über ihre Bücher und ihre Themen – und unsere Leser haben die Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Eine Übersicht der anstehenden Termine.

 

 

 

Derzeit sind keine Veranstaltungen geplant. Über neue Termine informieren wir Sie auch in den sozialen Medien, folgen Sie uns auf TwitterFacebook oder Instagram

 

Über Architecture Articulated: Die Veranstaltungen haben eine Länge von ca. 90 Minuten und finden per Zoom statt. Eintrittskarten kosten je 15€ und sind zugleich ein Gutschein über diesen Betrag für unseren Webshop. Ein Ticket berechtigt zur Teilnahme an einer Online-Lesung an einem Computer, Sie können also auch zu zweit oder dritt vor dem Bildschirm sitzen. Damit Sie möglichst störungsfrei zuschauen können, empfehlen wir, das Programm Zoom vorher kostenlos herunterzuladen. Zu der Uhrzeit, zu der die Lesung beginnen soll, klicken Sie bitte auf den erhaltenen Link: Dann öffnet sich entweder Zoom (falls Sie das Programm heruntergeladen haben) oder ein Fenster in Ihrem Webbrowser. Um an der Sitzung teilzunehmen, müssen Sie weder eine funktionierende noch eine eingeschaltete Webcam besitzen; Fragen können auch per Mikrofon oder im Chat gestellt werden.

Happy Holidays!

🇩🇪 Ein ereignisreiches Jahr liegt hinter uns: 2021 haben wir unter anderem Architekturführer zu Peking, Rotterdam, München und nicht zuletzt ganze sieben Bände zu Afrika südlich der Sahara veröffentlicht, wir haben das populäre Buch Baumhäuser neu aufgelegt und uns dem immer wichtiger werdenden Thema Quartiersentwicklung gewidmet. An dieser Stelle möchten wir uns für Ihr Interesse an unserem Programm bedanken. 2022 geht es dann weiter mit Titeln zu Halle (Saale), Algier, Feuerwehrbauten, Aquarien ...

Schöne Festtage und auf ein Wiedersehen im neuen Jahr!

🇬🇧 An eventful year lies behind us: in 2021 we published architectural guides on Rotterdam, Toulouse and last but not least on Sub-Saharan Africa, the popular title Treehouses was updated, and we presented a magnificent book on Buddhist cult buildings in Tibet and Nepal to the public. We would like to thank you for your continued interest in our publishing programme. In 2022 titles on Almaty, Boris Iofan, Diagrams, the North Caucasus will follow.

Happy holidays and see you again in the new year!