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"Die Milieus, die Berlins innere Stadtviertel geprägt haben, werden in den nächsten zehn bis 20 Jahren von dort verschwinden"

Die deutsche Hauptstadt in ihrer jetzigen Form feierte gerade 100. Geburtstag – anlässlich der großen Jubiläums-Ausstellung ist bei DOM publishers das Buch Unvollendete Metropole erschienen, das einen Blick zurück nach vorn wirft. Denn heute, nach Krieg und Teilung, boomt der Berliner Ballungsraum wieder. Was lässt sich aus der Geschichte lernen? Wie sollte die Stadt mit dem neuen Wachstum umgehen? Wir haben zwei Experten und Wahlberliner zusammengebracht: den Sozialwissenschaftler Harald Bodenschatz und den Architekturtheoretiker Philipp Oswalt. Ein Gespräch über den Dauerwaldvertrag von 1915, die Mietpreisbremse und schwarze BMWs in den Straßen.

 

Interview: Björn Rosen, Anselm Weyer

 

Herr Bodenschatz, am 1. Oktober 1920 entstand »Groß-Berlin«: Vormals eigenständige Städte wie Charlottenburg und Lichtenberg wurden damals eingemeindet. Sie sind einer der Kuratoren der großen Jubiläums-Ausstellung – sie trägt den Namen »Unvollendete Metropole«. Was muss denn an Berlin noch vollendet werden?

BODENSCHATZ. Natürlich ist jede Großstadt in permanenter Veränderung begriffen. Ich denke, für Berlin gilt das ganz besonders. Aufgrund seiner Geschichte, aber auch der Herausforderungen, vor denen wir jetzt stehen: Die Stadt wächst – in die Fläche hinein, weit über ihre Grenzen hinaus. 1920 führten zwei wichtige Gründe zur Schaffung von Groß-Berlin. Zum einen wollte man das Chaos beenden, das durch die kommunale Konkurrenz bei der Infrastruktur entstanden war, zum anderen einen Ausgleich zwischen reichen und armen Kommunen finden. Dabei gab es einen Geburtsfehler, der bis heute nachwirkt: Die Kooperation mit Brandenburg wurde zwar angesprochen, aber nie vertieft. 

Plädieren Sie für eine Länderfusion, wie sie bei der Volksabstimmung 1996 an Brandenburg scheiterte?

BODENSCHATZ. Die Brandenburger hatten damals den Eindruck, dass sie in einem gemeinsamen Bundesland nicht mehr genug zu sagen hätten, weil ihr Anteil an der Einwohnerzahl unter 50 Prozent liegen würde. Ich stamme aus München, und dass es hier zwei Länder gibt, die angeblich nichts miteinander zu tun haben, ist aus bayerischer Sicht vollkommen absurd. Jetzt in der Coronakrise waren alle ganz begeistert, als anfangs die Brandenburger Gesundheitsministerin mit ihrer Berliner Amtskollegin telefonierte – also, das kann’s doch wirklich nicht sein! Wenn eine Fusion nicht gangbar ist, dann brauchen wir zumindest viel stabilere Formen der Kooperation, zum Beispiel einen Regionalrat.

OSWALT. Ich stimme zu. Allerdings weiß man aus der Erfahrung mit Regionalverbänden auf kleinerer Ebene, dass so etwas nur sehr begrenzt funktioniert. Umso eindrucksvoller ist, was 1920 geleistet wurde! Würde man heute etwas Ähnliches vorschlagen, würde man für verrückt erklärt. Eine solch radikale strukturelle Veränderung war nur in der politisch instabilen Übergangsphase nach Krieg und Revolution möglich. In seiner Relevanz für die Stadtentwicklung kann man diesen Schritt gar nicht hoch genug einschätzen. Ein zweiter Punkt, damit zusammenhängend: Damals hat man fünf große Forstgebiete, den Grunewald, den Tegeler, Spandauer, Köpenicker und Grünauer Forst, aufgekauft. Sie wurden verstaatlicht, um sie von künftiger Bebauung freizuhalten …  

BODENSCHATZ. … der sogenannte Dauerwaldvertrag wurde sogar schon 1915 geschlossen. Auch beim Wettbewerb Groß-Berlin von 1910 spielte das städtische Grün eine zentrale Rolle.

OSWALT. Davon zehren wir und auch die künftigen Generationen ganz substanziell. Die großzügigen, stadtnahen Grünräume gehören zu den herausragenden Qualitäten Berlins. Eine Glanzleistung der Stadtplanung im 20. Jahrhundert.

 

 

UNSERE GESPRÄCHSPARTNER 

HARALD BODENSCHATZ, Jahrgang 1946, im Bild links zu sehen, ist Sozialwissenschaftler und Stadtplaner. Der gebürtige Münchner war viele Jahre Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin. Er gehört zu den Machern der Ausstellung »Unvollendete Metropole. 100 Jahre Städtebau für (Groß-)Berlin« im Kronprinzenpalais Unter den Linden; derzeit ist diese Corona-bedingt nur online zu sehen. Bei DOM publishers veröffentlichte Bodenschatz unter anderem Städtebau in Berlin. Schreckbild und Vorbild für Europa sowie zuletzt Städtebau unter Salazar.

 

PHILIPP OSWALT, Jahrgang 1964, ist Architekt und Professor für Architekturtheorie und Entwerfen  an der Universität Kassel. Nach Berlin, wo er heute lebt, kam der gebürtige Frankfurter das erste Mal zum Studium. Oswalt hat in Architekturdebatten immer wieder streitbar Position bezogen. So wandte er sich unter anderem gegen den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Bei DOM publishers veröffentlichte Oswalt zuletzt Berlin. City Without Form.

 

 

Herr Oswalt, durch Krieg und Teilung war Berlin auch in anderer Hinsicht lange eine Stadt der Freiräume. Doch Brachen, Baulücken und vernachlässigte Gebäude, in denen sich die legendäre Party- und Kulturszene entwickelte, verschwinden. Sie haben sich seit den Neunzigerjahren immer wieder in Berliner Architekturdebatten zu Wort gemeldet. Sind die Lücken aus Ihrer Sicht klug geschlossen worden?

OSWALT. Pauschal lässt sich das nicht beantworten, die Architekturqualität ist sehr heterogen. Ohne nos­talgisch werden zu wollen: Das Zubauen der Leerstellen ist natürlich auch ein Verlust. Brachen haben neuen Akteuren die Möglichkeit gegeben, Stadt mitzugestalten. Nur kann und sollte man solche Biotope nicht dauerhaft musealisieren. Eine Metropole befindet sich, wie erwähnt, im ständigen Umbruch. Für mich stellt sich die Frage, wie man diese räumliche Qualität fortführen und eine gewisse Durchlässigkeit für Stadtgestaltung – die Demokratisierung urbaner Prozesse – auf neue Weise schaffen kann. Und wie man bei Erhöhung der Dichte solche Freiräume auch weiterhin bereitstellen kann. Ein positives Beispiel ist das »Haus der Statistik« am Alexanderplatz.

Der DDR-Gebäudekomplex sollte abgerissen, das Grundstück verkauft werden. Künstler besetzten das Haus. Inzwischen hat der Bezirk Mitte mit verschiedenen Initiativen einen Plan für die Sanierung und eine gemischte Nutzung entwickelt.

BODENSCHATZ. Ein riesiges Gelände in äußerst zentraler Lage – in Paris oder London unvorstellbar! Ich finde auch positiv, dass in den vergangenen Jahrzehnten zahllose Parks entstanden sind. Es gibt eine regelrechte neue Parklust. Man muss aufpassen, dass die Debatte über diese Fragen anhält. Nur so können einzelne Projekte wie das »Haus der Statistik« überhaupt gelingen.  

OSWALT. Alternative Projektentwicklungen wie Exrotaprint, das »Spreefeld« und das Areal um die ehemalige Blumengroßmarkthalle mit Genossenschaftsmodellen oder auch die Baugruppen wären andere Beispiele. Konzeptuell bedeutsam, aber im Verhältnis zum Immobiliengeschehen insgesamt quantitativ bislang eher Marginalien. Es hat sehr lange gebraucht, bis das offizielle Berlin kapiert hat, was es mit dem, wofür die Stadt in den Neunzigerjahren so beliebt war, auf sich hatte. Erst rund 15 Jahre nach dem Mauerfall begann die Politik, sich diesen Prozessen zu öffnen.

 

»Im internationalen Vergleich ist Berlins Entwicklung nicht besonders dynamisch. Wir sind hier eine unheimliche Behäbigkeit gewohnt.« – Philipp Oswalt 

 

Ein populärer Freiraum ist das Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Nach einem Volksentscheid bleibt die innerstädtische Fläche – so groß wie 450 Fußballfelder – unbebaut. Wäre es nicht sinnvoller, dort Wohnungen zu bauen? Berlins Einwohnerzahl steigt seit Jahren, und bis 2030 soll eine weitere Viertelmillion Menschen hinzukommen.

BODENSCHATZ. Einen Volksentscheid in dieser Form abzuhalten – mit einem dermaßen unflexiblen Ergebnis »bebauen« oder »nicht bebauen« –, ist grundsätzlich wenig sinnvoll. Ich finde es auch falsch, dort überhaupt keine Gebäude zu errichten. Über kurz oder lang wird man die Entscheidung sicher revidieren. Hoffentlich auf gute Weise.

OSWALT. Zum einen möchte ich ergänzen: Im internationalen Vergleich ist Berlins Entwicklung nicht besonders dynamisch. Wir sind hier eine unheimliche Behäbigkeit gewohnt. Die heutige Einwohnerzahl von vier Millionen war schon 1910 erreicht. Seitdem hat Berlin viel erlebt, aber bevölkerungsmäßig ist es stagniert. Zum anderen hat ein gutes Dutzend anderer deutscher Großstädte ebenfalls mit Wohnraummangel zu kämpfen. Das liegt auch daran, dass es inzwischen mehr Haushalte und mehr Wohnfläche pro Kopf gibt.

Sie selbst wohnen zentral, im Stadtteil Schöneberg. Wie erleben Sie die Veränderungen?

OSWALT. Wenn Freunde aus dem Kiez eine neue Wohnung suchen, weil sie sich getrennt oder Kinder bekommen haben, dann finden sie hier keine bezahlbare mehr. Gleichzeitig sieht man SUVs oder schwarze BMWs in den Straßen, die gab es früher nicht. Die Milieus, die Berlins innere Stadtviertel geprägt haben, werden in den nächsten zehn bis 20 Jahren von dort verschwinden. Mit Gentrifizierung hat das übrigens wenig zu tun, ich finde es problematisch, dass immer dieser Begriff verwendet wird. Es handelt sich um Globalisierungsphänomene und Folgewirkungen der Finanzmarktkrise von 2008. Das Kapital kommt von überallher, manchmal handelt es sich um Steuerspar- und Geldwäschemodelle. Das Preisniveau in Berlin ist im Vergleich zu anderen internationalen Metropolen noch immer niedrig, und die Investoren können davon ausgehen, dass das in der Hauptstadt eines wirtschaftlich starken Staates wie Deutschland nicht so bleiben wird. Eine sichere Anlage.

Was sollte die Politik tun?

OSWALT. Naheliegend wäre, den Zufluss von ausländischem Geld zu limitieren. Natürlich nicht, weil man gegen Ausländer ist, sondern um den eigentlichen Nutzern mehr Kontrolle über das Geschehen vor Ort zu geben. Länder wie Kanada, Polen oder Dänemark machen das schon so. Zudem bin ich dafür, Grund und Boden nach Möglichkeit dem Handel zu entziehen und Projekte in Erbpacht zu entwickeln. Das ist ein wirksames Instrument, um spekulatives Geschehen auszubremsen.

 

»Man sollte vorsichtig sein, zu glauben, dass nur die Innenstadt ein guter Standort ist und jeder, der nach draußen zieht, ein bemitleidenswertes Opfer.« – Harald Bodenschatz

 

Für den Moment hat das Land Berlin mit einer Mietpreisbremse reagiert. Kritiker beklagen, es handele sich um ein kontraproduktives Instrument, weil es die Schaffung neuen Wohnraums unattraktiv mache.

BODENSCHATZ. Die Mietpreisbindung ist eine Antwort auf soziale Bewegungen, die viel radikalere Forderungen gestellt haben. Zu diesen gehörte etwa die Enteignung von Immobilienunternehmen wie »Deutsche Wohnen« – wofür es laut einer Umfrage sogar große Akzeptanz in der Bevölkerung gab. Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass die Situation für einen erheblichen Teil der Bewohner wirklich dramatisch ist. Und durch Neubauten wird man die Bestandsmieten nur begrenzt beeinflussen können. Zentrales Problem ist das Abschmelzen des Bestands an Sozialwohnungen. Kluge Köpfe haben das schon vor 20 Jahren angesprochen, als wir noch 100.000 Wohnungen Leerstand hatten. Die Entwicklung war absehbar. Die Politik hoffte einfach darauf, dass die Stadt nicht mehr wachsen würde.

Inzwischen findet eine starke Verdrängung an den Stadtrand und darüber hinaus statt.

BODENSCHATZ. Man sollte vorsichtig sein, zu glauben, dass nur die Innenstadt ein guter Standort ist und jeder, der nach draußen zieht, ein bemitleidenswertes Opfer. Ein großer Teil der Leute will gar nicht unbedingt in der Innenstadt leben. Worauf es allerdings ankommt, ist, das Leben in der Außenstadt und in den Umlandgemeinden zu verbessern, zum Beispiel durch noch mehr Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

OSWALT. Nach Einführung der U-Bahn gab es in diesem Bereich fast 100 Jahre kaum Innovationen. Meint man es mit der Verkehrswende ernst, braucht es jetzt radikale Entwicklungen – gerade, wenn man die Stadt größer, einschließlich des Umlands denken will. Insofern finde ich die Diskussion um große Fahrradtrassen nach dem Vorbild etwa Kopenhagens richtig. Aber in einer weit ausgedehnten Stadt wie Berlin mit vier Millionen Einwohnern muss es auch darum gehen, wie der öffentliche Nahverkehr helfen kann, schnell große Entfernungen zu überwinden. In New York gibt es zum Beispiel »Rapid Trains«, die nur alle paar Stationen halten.

BODENSCHATZ. Es ist ein Unding, wie wenig in den schienengebundenen Nahverkehr investiert wird, gerade wenn man das mit einer Stadt wie Moskau oder asiatischen Metropolen vergleicht. Es reicht sogar schon ein Blick nach Paris: Dort werden derzeit neue bahnbezogene Verkehrslinien für die Stadtregion entwickelt …

… als Teil der großen Reform des Ballungsraums …  

BODENSCHATZ. … und an den Haltestellen stampft man ganze Orte aus dem Boden. In Berlin dagegen dauert es ewig, bis mal irgendwo eine Straßenbahnlinie um einen Kilometer verlängert ist. Wir bräuchten da wirklich einen enormen Schub vorwärts.

 

»Es ist ein Unding, wie wenig in den schienengebundenen Nahverkehr investiert wird, gerade wenn man das mit einer Stadt wie Moskau vergleicht.« – Harald Bodenschatz

 

Wie lassen sich Großsiedlungen am Stadtrand attraktiver gestalten, wie vermeidet man Ghettoisierung?

OSWALT. Die Voraussetzungen dafür sind in Berlin recht gut. Im Westteil der Stadt konnte man während der Teilung sowieso nur innerhalb der Mauer bauen, aber auch im Osten waren die Großsiedlungen immer Ergänzung an den Stadtkörper. Ganz im Gegensatz etwa zu den französischen Banlieues, die irgendwo weit draußen liegen. Berlin hat in den vergangenen 150 Jahren eine erstaunliche Kompaktheit entwickelt. Es wäre wünschenswert, dies fortzuführen. Ein wichtiger Punkt ist die Heterogenität der Bauweise. In solchen Lagen kann etwa verdichtete Flach- mit Hochhausbebauung kombiniert werden. Da gibt es Ideen der klassischen Avantgarde, die man wieder aufgreifen sollte.

BODENSCHATZ. Auf alle Fälle darf man die Großsiedlungen nie als Inseln behandeln, sondern muss sie maximal mit den Wohnanlagen der Umgebung vernetzen. Zum Beispiel in den Schulen, dort sollten Menschen aus dem ganzen Bezirk zusammenkommen. Auch die Belegungspolitik spielt eine große Rolle. Im Moment geht sie meines Erachtens in eine falsche Richtung: Die landeseigenen Wohnungsgesellschaften werden unter Druck gesetzt, dort mehr Bedürftige unterzubringen. Doch es darf nicht sein, dass man all diejenigen, die keine Chance mehr haben, in diesen Siedlungen konzentriert. Leider erleben wir derzeit auch eine ähnliche Situation, wie es sie vor 1920 gab: Die Umlandgemeinden wollen natürlich auf keinen Fall, dass ärmere Bevölkerung in ihre Wohnanlagen eindringt.

Herr Bodenschatz, wie stark ähneln die heutigen Debatten jenen von damals?

BODENSCHATZ. All die aktuellen Fragen standen auch um 1920 auf der Tagesordnung. Bezahlbarer Wohnraum, Verkehr – damals dachte man freilich stark in Richtung autogerechten Ausbau. Unter Gustav Böß, in den Zwanzigerjahren Oberbürgermeister, waren sogar Hochstraßen nach US-Vorbild im Gespräch. Der Werkwohnungsbau, der in Berlin nie eine besondere Tradition hatte, spielte punktuell eine große Rolle. Ich denke, wenn sich das Wohnungsproblem weiter verschärft, müssen sich die Firmen auch heute wieder Gedanken machen, wie sie ihre Leute unterbringen.

 

»Wir haben es mit der komischen Situation zu tun, dass es sich fast um eine Schlafstadt handelt. Berlin zieht ein bestimmtes Milieu an, das gern hier lebt, aber zum Arbeiten nach draußen pendelt: nach Hamburg, Leipzig, Frankfurt.« – Philipp Oswalt 

 

Herr Oswalt, während der Coronakrise haben sehr viele Firmen auf Heimarbeit umgestellt, und das funktioniert erstaunlich gut. Warum sollte man in Zeiten der Digitalisierung überhaupt in einer zunehmend teuren Metropole wie Berlin leben?

OSWALT. Dass es die Leute in die großen Städte zieht und sich die peripheren, ländlichen Regionen entvölkern, ist ein langfristiges, globales Phänomen. Ich glaube nicht, dass der neue »Zoom«-Boom diesen Trend brechen wird. Und gerade was Berlin angeht, haben wir es mit der komischen Situation zu tun, dass es sich fast um eine Schlafstadt handelt. Berlin zieht ein bestimmtes Milieu an, das gern hier lebt, aber zum Arbeiten nach draußen pendelt: nach Hamburg, Leipzig, Frankfurt. Das können Sie am Zugfahrplan ablesen. Die komplette Inversion einer klassischen Großstadt. Total verrückt.

BODENSCHATZ. Zumal wenn man sich vor Augen führt, dass hier in den Zwanzigerjahren noch die wichtigen Banken und Konzerne ansässig waren. Alle weg! Das gibt es so in keiner Hauptstadt oder zentralen Großstadt eines anderen Landes. Eine enorme Besonderheit, die natürlich mit der Geschichte zu tun hat, und die gerne zugedeckelt wird mit dem Hinweis auf die derzeit guten Wachstumsraten. Klar, wenn man ganz unten anfängt, sind die Wachstumsraten automatisch eindrucksvoll.

Andererseits genießt Berlin heute weltweit eine ungeheure Popularität.

BODENSCHATZ. Nur bemerkt das in Deutschland keiner so richtig. Mich erinnert die Situation an Rom, das auch relativ spät Hauptstadt wurde und im eigenen Land bis heute nicht als führende Stadt anerkannt ist. Im Falle Berlins kommt ein sehr interessanter Gegensatz hinzu. Im Ausland wird die Stadt viel positiver gesehen als das Land, das sie repräsentiert. Das könnte eine unglaubliche Chance sein für Berlin – wenn man sie nutzen würde. Berlin als Botschafter für ein heiteres, tolerantes, protestfreudiges, antiautoritäres, nicht ganz so ordentliches Deutschland. Eigentlich eine Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit für den Staat wie die Stadt. Aber ein wenig ordentlicher dürfte Berlin schon sein.

 

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Unsere Autoren: Andreas Wenning, Baumhaus-Spezialist

Seit der Corona-Pandemie ist er noch gefragter als zuvor: Der gelernte Tischler und studierte Architekt aus Bremen entwirft weltweit einzigartige Räume. Nah an der Natur – und in luftiger Höhe. Nun ist die vierte, erweiterte und aktualisierte Auflage seines erfolgreichen Buchs Baumhäuser erschienen.

 

Text: Björn Rosen
Foto: © Andreas Wenning

 

Es begann 2003 zwischen zwei Buchen. Andreas Wenning war damals oft zu Besuch bei Freunden, die im niedersächsischen Bassum eine Landkommune gegründet hatten. »Ich habe mir da einfach einen Ort gewünscht, oben in den Bäumen, wo ich sein kann«, erinnert sich der 55-Jährige. Den Begriff Baumhaus hatte er gar nicht im Sinn, »weder hatte ich mir entsprechende Literatur angeschaut noch mich an Vorbildern orientiert«. Wenning schuf schließlich einen bootsähnlichen Raum aus Holz, knapp acht Quadratmeter groß, plus Terrasse, der zwischen den zwei Stämmen an Stahlseilen und Textilgurten aufgehängt wurde.

Dieses Baumhaus Plendelhof gibt es noch immer: In neun Metern Höhe blickt man von dort auf die Baumkrone und die umgebende Wiesenlandschaft. Wenning nennt es »den Prototyp«. Denn heute, 18 Jahre später, ist er als Architekt auf Baumhäuser spezialisiert – und weltweit gefragt. Mehr als 80 Projekte hat er mit seinem Büro Baumraum schon realisiert, in gut einem Dutzend unterschiedlicher Länder. Erfreuen sich professionell geplante Baumhäuser schon seit zwei Jahrzehnten zunehmender Beliebtheit, vermutlich weil die Menschen Nähe zur Natur suchen, so ist die Nachfrage mit der Pandemie weiter gestiegen. »Besonders im Bereich Baumhaus-Hotels. Viele gehen davon aus, dass die Leute künftig mehr regional verreisen, aber eben ein besonderes Erlebnis suchen.« Wennings Buch Baumhäuser erscheint jetzt bereits in der vierten Auflage – aktualisiert unter anderem um das Projekt Black Crystal in den Catskill Mountains nördlich von New York, das mit seiner Fassade aus dunklen Blechen wie ein Edelstein zwischen den Laubbäumen schimmert. Es ist auch auf dem Cover zu sehen.

In den USA hat der Architekt schon häufiger gearbeitet, die Begeisterung für Baumhäuser sei dort vielleicht noch größer als anderswo: »Das hat kulturelle Gründe: Historisch sind die Amerikaner Landeroberer, robuste Leute, die in der Natur leben und ihre Freiheit lieben. « Mit den USA verbindet Wenning aber auch prägende Erinnerungen aus seiner Jugend. Nach dem Zivildienst reiste er vier Monate allein durchs Land –  nicht zuletzt ein Crashkurs, um sein Englisch zu verbessern.

Andreas Wenning stammt aus Weinheim an der Bergstraße und lernte nach der zehnten Klasse zunächst Tischler. Ein Baumhaus besaß er zwar nie als Kind, aber Basteln, Bauen und die Natur lagen ihm seit jeher. Nachdem er das Abitur nachgeholt hatte, führte ihn das Architekturstudium nach Bremen, wo er noch immer lebt.

Natürlich ist die Expertise als Tischler eine solide Grundlage für seine Spezialisierung, und bis heute packt Wenning auf der Baustelle selbst mit an, doch seine Entwürfe sind entscheidend geprägt von seiner Liebe zu avantgardistischer Architektur. »Handwerker, die Baumhäuser bauen, wollen möglichst alles allein machen. Für mich spielt das keine Rolle, und ich bin auch nicht auf bestimmte Materialien festgelegt. Holz ist wichtig, aber ich arbeite ebenso mit Kunststoffen oder Stahl.« Zugleich, sagt Wenning, könne er auch freier gestalten als viele seiner Architekten-Kollegen in anderen Feldern der Architektur: »Die meisten haben ein engeres Korsett. Ich kann im Bereich der Formen und der Materialität in meinem losgelöster und auch skulpturaler gestalten.«

Ein Baumhaus zu bewohnen, fühlt sich nach Freiheit an. Eines zu entwerfen, offenbar auch.

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The engineer who updated Venice

Whether you visit the lagoon city for pleasure or for work, whether you head to the Biennale or the Lido: You will encounter Eugenio Miozzi's work everywhere. His rationalist parking garages and innovative bridges linked Venice with the mainland while also preserving the historic structure. Read our portrait of a man who combined centuries-old traditions with a spirit of innovation.

 

Text: Kyung Hun Oh
Photo: Miozzi measuring the base of the Column of San Teodoro, one of a pair of structures located in St Mark’s Square, around 1950. © IUAV, Archivio Progetti, Fondo Eugenio Miozzi⠀
 

Eugenio Miozzi, chief architect of Venice from 1931 to 1954, played a key role in shaping the city as it is today. Yet he remains a largely unknown figure. This obscurity can perhaps be traced back to his links to Mussolini’s fascist government. Nonetheless, locals and tourists come in contact with his works on a daily basis. Now a monograph on him has been published by DOM publishers – the book is available in both English and Italian.

Miozzi’s central idea for Venice was to ensure its survival as a ‘normal’ city, which, in his view, would only be possible with the introduction of cars. To this end, he realised a major car park in Piazzale de Roma as well as a new Municpal Garage, allowing visitors to easily access the city from the mainland. He also drew up an ambitious plan to build a large new motorway under the lagoon, running clockwise from Piazzale de Roma to the south of Venice. The project was never realised, though it was worked out in detail. Ponte degli Scalzi is perhaps his most emblematic project. The bridge was based on a highly creative solution from a technical perspective, made entirely of stone, with no iron or concrete reinforcements. Miozzi developed a new calculation method to predict the movements of the bridge’s stone pieces, and thus pared down the structure to the essentials. The outcome represents a seamless combination of modern and traditional building techniques. ‘There is no excess, and no lack, with a perfect balance between function, form, construction, and material,’ said Clemens Kusch, editor of Eugenio Miozzi: Modern Venice Between Innovation and Tradition. So lean was the structure that people were afraid of passing beneath it, for fear that it would collapse.

Miozzi was respectful of the city’s architectural heritage, always placing his modernist projects on the peripheries. In the centre, he endeavoured to find a language that was adapted to the historic urban context. This partly also explains why there have been no attempts to demolish Miozzi’s works in Venice: ‘It doesn’t occur to people that his works aren’t part of the historic city,’ says Kusch. Moreover, each of his works stemmed from a real necessity that still exists today: ‘Their survival is linked to the necessity of his interventions.’

Miozzi’s works also sparked a new debate on the future of Venice: between conservatives who wished to preserve the city as it was, and those who saw the need for modernisation. Ultimately, it seems the former prevailed. The spirit of innovation ebbed away after his death. As Kusch says: ‘Very few important modern buildings were built in the city after him.’

Zwischenstopp in Kiel

Der Autor unseres Architekturführers Schleswig-Holstein nimmt Sie mit zu einem Ausflug ans Meer: Dieter-J. Mehlhorn brauchte lange, bis er sich in der Stadt an der Ostsee heimisch fühlte. Aber nach nun 35 Jahren weiß er, wo man die kühlen Kieler sogar mal ausgelassen antrifft.

 

Text: Dieter-J. Mehlhorn
Foto: Segelschiff in Kiel-Holtenau, © Michael Treu, Pixabay

 

Kiel ist eine unsentimentale Stadt, architektonisch geprägt durch Diskontinuität und Brüche. Im Laufe der Geschichte musste es sich immer wieder neu erfinden. Mit der Reichsgründung 1871 setzte zunächst ein ungeheurer Boom ein: Das damalige Städtchen wurde zum Reichskriegshafen und wuchs rasant. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte die Demilitarisierung und schließlich die erneute Aufrüstung unter den Nazis. Im Zweiten Weltkrieg fielen große Teile der Stadt dem Bombenhagel zum Opfer. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich mir vorstelle, wie sich im Flandernbunker gegenüber meiner Wohnung, den man heute besichtigen kann (Kiellinie 249), mehrere tausend Menschen zusammendrängten.

Schwieriger Beginn. Nach 1945 wurde Kiel gemäß den damals vorherrschenden Prinzipien – Verkehrsgerechtigkeit, Funktionstrennung, Gliederung durch Grünzüge – wieder aufgebaut. Nun war man Hauptstadt des neuen Bundeslands Schleswig-Holstein, und auch die Fähr- und Kreuzschifffahrt entwickelte sich. Das historische Auf und Ab konnte jedoch kein Bild entstehen lassen, das den hehren Grundsätzen des Städtebaus entspräche. Ich bin aus beruflichen Gründen vor gut 35 Jahren hierhergekommen, und es hat mich viel Zeit gekostet, die Stadt zu verstehen und heimisch zu werden.

Kaiserliches Intermezzo. Wenn mich jemand fragt, was es anzuschauen gibt, um die Stadt und ihre Genese zu begreifen, dann rate ich zu einer Radtour entlang der Förde, eine sich bis in die Stadtmitte ziehende Bucht, die in der Eiszeit entstand. Vom Hauptbahnhof geht’s entlang der Wasserkante, vorbei an großen Schiffen, zum ehemaligen Sartorispeicher, einem Highlight der norddeutschen Backsteinarchitektur der 1920er Jahre, und dann weiter zum Schloss (Dänische Str. 44). Für dessen Erhalt habe ich mich viele Jahre eingesetzt: Es gab tatsächlich Pläne, dort ein Einkaufszentrum zu bauen! Und weiter durch Düsternbrook, seit langem Wohnort der Besserverdienenden: Einst soll dort Wilhelm II. das Treffen mit einem General in der Jugendstilvilla von Richard Riemerschmid abgelehnt haben – weil das Haus nicht nach des Kaisers Geschmack war. In der »Forstbaumschule« (Düvelsbeker Weg 46), einem beliebten Gartenlokal, versteht man, dass die Kieler zumindest bei schönem Wetter auch ausgelassen sein können.

Skandinavisches Finale. Aus dem einstigen Marinelazarett ist ein ansehnlicher Wohnpark geworden, im »Atelierhaus am Anscharpark« (Heiligendammer Straße 15) ist Kunst zu sehen. Gegenüber steht eine örtliche Ikone: die Petruskirche (Adalbertstraße 10), mit der Kiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts an die moderne Architekturentwicklung anschloss. Als Schlusspunkt der Radtour empfehle ich einen Blick auf den Nord-Ostsee-Kanal. Dort kann man sich nach Skandinavien träumen.

 

DIETER-J. MEHLHORN ist Autor unseres Architekturführers Schleswig-Holstein. Er war viele Jahre Stadtplaner mit Schwerpunkt Stadterneuerung und lehrte unter anderem an den Fachhochschulen Kiel und Lübeck. Immer wieder hat Mehlhorn sich in die öffentliche Diskussion eingebracht: Die Kieler Nachrichten nennen ihn denn auch einen »kritischen Wegbegleiter« der örtlichen Stadtentwicklung. Foto: Anne Wojahn  

Architectural Guide on the North Caucasus: Help to make it happen

It belongs to the regions that are terra incognita for many, even in times of globalisation: the North Caucasus. Gianluca Pardelli, who organises tours through the countries of the former Soviet Union and its neighbouring states with his company Soviet Tours, has been collecting material for a unique project with a team of authors over the past few years: the first English-language architectural guide on Chechnya and the North Caucasus. The book is to be published by DOM publishers. Help make it a reality! Together with Gianluca Pardelli we have started a crowdfunding campaign. Supporters receive, for example, postcard sets or are honoured with their name in the book.

More information about the project can be found: here.

Ein Gebäude und seine Geschichte: Huadong Hospital, Shanghai

Die Corona-Krise brachte es in Erinnerung: Wie viele Kliniken in Chinas kosmopolitischer Metropole hat auch diese westliche Wurzeln. Ihr Bettenhaus entwarf der deutsche Architekt Rudolf Hamburger, über dessen faszinierendes Leben ein Buch bei DOM publishers erschienen ist.

 

Text: Björn Rosen
Foto: © Christian Dubrau (Architekturführer Shanghai, 2018)

 

Als die Coronakrise Anfang 2020 in China begann, wurden 1600 Ärzte und Pfleger aus dem ganzen Land ins Epizentrum, die Provinz Hubei, entsandt. »Beim Durchgehen der Liste stellte ich fest, dass die Geschichte der meisten Kliniken, die Teams geschickt hatten, ins alte Shanghai führt«, schreibt eine Journalistin der Shanghai Daily. Das »alte Shanghai« meint das 19. und frühe 20. Jahrhundert: In China eine Epoche großer Umwälzungen, die vom morschen Kaiserreich über die Ausrufung der Republik bis zum Bürgerkrieg reicht. Damals gewannen ausländische Mächte stark an Einfluss, besonders im kosmopolitischen Shanghai. Mit Briten, Amerikanern, Franzosen kam die westliche Medizin – und neue Architektur.

Zu den örtlichen Kliniken mit westlichen Wurzeln, die Anfang 2020 in Hubei halfen, gehört das Huadong Hospital. Seine Geschichte ist mit einem deutschen Architekten verbunden: Rudolf Hamburger, 1903 in Schlesien geboren. Das Krankenhaus befindet sich in Jing’an, einem der zehn zentralen Bezirke Shanghais; benannt ist dieses dichtbesiedelte Hochhausviertel nach einem alten buddhistischen Tempel. Um zur Klinik zu gelangen, läuft man von der Metrostation Jing’an Temple zehn Minuten Richtung Süden und unterquert dann die Yan’an-Hochstraße. Ein klassizistischer Bau von 1927 bildet das Herz des Areals. Rudolf Hamburger ergänzte ihn 1933 um ein Schwesternwohnheim: Inzwischen ist sein »Victoria Nurses’ Home« längst zum Bettenhaus geworden. Hamburger war Schüler Hans Poelzigs, und so entwarf er das Gebäude betont funktional und schmucklos, abgestellt aufs lokale, feucht-heiße Klima und kostengünstig in der Ausführung. »Diese Architektur im Stil des Neuen Bauens war damals etwas völlig Neues in Shanghai«, sagt Eduard Kögel, Autor einer bei DOM publishers erschienenen Biographie über den Architekten, der als wichtiger Wegbereiter der Moderne in China gelten kann.

Nach Asien hatte Hamburger die Weltwirtschaftskrise 1929 geführt. Während es in Deutschland keine Arbeit mehr gab, erlebte Shanghai einen Bauboom. Der Architekt heuerte bei der Verwaltung der Internationalen Konzession an: Das »Country Hospital«, wie es damals hieß, befand sich am nördlichen Ende dieses ausländisch kontrollierten Viertels. Als Shanghai im Zweiten Weltkrieg dann – trotz Okkupation durch Deutschlands Verbündeten Japan – Zufluchtsort für jüdische Flüchtlinge wurde (die man im »Country Hospital« kostenfrei behandelte), hatte Hamburger, selbst Jude, die Stadt schon wieder verlassen. Das Schicksal führte ihn in den Iran, die UdSSR und schließlich in die DDR.

Sein Schwesternwohnheim wurde vor einigen Jahren saniert, »leider nicht gut«, sagt Kögel. Die Klinik insgesamt ist wichtiger denn je: 1949 von Maos Volksbefreiungsarmee übernommen, behandelte man hier bevorzugt Kader, Militärs, Diplomaten. Als Lehrkrankenhaus  gehört sie inzwischen zur renommierten Fudan Universität.