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Tag: Magazin

Prahlen mit Zahlen (I): das Berliner Kulturforum

Das Areal mit Bibliotheken, Museen und Veranstaltungsorten in unmittelbarer Nachbarschaft zum Potsdamer Platz ist seit Jahrzehnten Gegenstand städtebaulicher Diskussionen. Nun soll dort ein neues großes Museum entstehen. Ex-Senats­baudirektor Hans Stimmann hat deshalb eine aktualisierte Neuauflage seines Standardwerks zum Thema vorgelegt. Hier interessante Fakten, mit denen Sie in jeder Unterhaltung glänzen.

 

2,5 KILOMETER lang ist die Förderanlage im Magazin der Staatsbibliothek von Hans Scharoun.

120 METER breit sollte die Nord-Süd-Achse sein, die Hitlers Chefarchitekt Albert Speer für die »Reichshauptstadt Germania« plante. Den gigantomanischen Plänen der Nationalsozialisten fiel ein Großteil der Gebäude im bürgerlichen Tiergartenviertel zum Opfer, wo sich nun das Kulturforum befindet: Besitzer wurden enteignet, Häuser abgerissen. Der Krieg brachte weitere Schäden. Ende der Fünfziger­jahre setzten sich Hermann Mattern und Hans Scharoun mit ihrer Idee durch, das Areal im Sinne einer unstädtischen Stadtlandschaft neu zu gestalten.

1260 TONNEN wiegt das Dach der Neuen Nationalgalerie von ­Ludwig Mies van der Rohe, die zurzeit saniert wird.

450.000.000 EURO soll das neue »Museum des 20. Jahrhunderts« von Herzog & de Meuron laut Kulturstaats­ministerin Monika Grütters kosten.

 

Der Text stammt aus dem DOM magazine No. 1. Unser Magazin erscheint vier Mal jährlich – zwei Mal auf Deutsch und zwei Mal auf Englisch. Das aktuelle Exemplar bekommen Sie mit Ihrer Bestellung in unserem Webshop.

Der Architekt (1): Rolf Gutbrod

Er prägte die Architektur der Nachkriegszeit wie wenige andere. Die Asymmetrie war sein Markenzeichen. Zeit für eine Wiederentdeckung.

 

Text: Björn Rosen
Foto: Gutbrod vor dem Modell für den Pavillon zur Expo 1967© Archiv Karin Gutbrod

 

Joachim Kleinmanns saß lange dem gleichen Missverständnis auf wie viele: Der deutsche Pavillon auf der Expo 1967 mit seinem scheinbar leichten Zeltdach, international gefeiert, Symbol des neuen, demokratischen Deutschlands – dieses Gebäude, dachte Kleinmanns noch bis vor wenigen Jahren, sei ganz und gar das Werk Frei Ottos. »Dieser weitverbreitete Eindruck entsteht dadurch, dass Journalisten immer von ›Ottos Zelt‹ geschrieben haben«, sagt der Forscher vom Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) in Karlsruhe. Inzwischen hat er die Geschichte des Pavillons intensiv untersucht, sein Buch übers Zeltdach von Montreal erschien im Dezember 2019 bei DOM publishers. Darin zeichnet er nach, dass der Anteil eines anderen Mannes an dem ikonischen Bau mindestens genauso groß war.

Dieser andere Architekt, Rolf Gutbrod (1910–1999), war einer der wichtigsten Vertreter seines Fachs in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Heute genießt er nicht den gleichen posthumen Ruhm wie Frei Otto. Doch es wäre Zeit für eine Wiederentdeckung.

In Stuttgart wenigstens ist Gutbrod noch sehr präsent. Dort wurde er geboren, dort absolvierte er einen Teil seines Studiums, und dort unterrichtete er später auch. Vor allem aber stehen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt einige seiner interessantesten Bauten: Der Durchbruch gelang ihm im Jahr 1956 mit dem Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle. Ihr frei geschwungener Grundriss und ihre Asymmetrie sind typische Gutbrod’sche Stilmerkmale. Gutbrod war es auch, der auf eine asymme­trische Form des Zeltdachs von Montreal hinwirkte und damit das Vorbild schuf für die Zeltlandschaft des Münchner Olympiastadions. »Vielfältigkeit spielte für ihn eine große Rolle«, sagt Experte Kleinmanns.

Stark geprägt hat Gutbrod die anthroposophische Lehre. Als Kind besuchte er in Stuttgart die erste Waldorfschule. Und Rudolf Steiners Idee, dass Gebäude in ihrer Form der Natur nachempfunden sein sollten, etwa mit gerundeten organischen Formen, zeigt sich in seinen Bauten. »Bei seinen Einfamilienhäusern verläuft die Dachfläche oft nicht paral­lel zur Außenwand, sondern springt irgendwo schräg raus, um etwa eine Terrasse zu überdachen. Also kein Formalismus, sondern immer von der Funktion her gedacht.« Joachim Kleinmanns sagt, es fehle heute an »humaner« Architektur, für die Gutbrod stand: »Deshalb glaube ich auch, dass er ein Revival erleben wird.

Ende 2020 wird Kleinmanns bei DOM publishers eine Monografie über Rolf Gutbrod veröffentlichen.

 

Der Text stammt aus dem DOM magazine No. 1. Unser Magazin erscheint vier Mal jährlich – zwei Mal auf Deutsch und zwei Mal auf Englisch. Das aktuelle Exemplar bekommen Sie mit Ihrer Bestellung in unserem Webshop.

"Es geht um Würde, um eine Kleiderordnung"

Vor 150 Jahren wurde das Auswärtige Amt gegründet. Der Architekturhistoriker Jörn Düwel hat die Geschichte des deutschen Botschaftsbaus erforscht. Sein Buch Architektur und Diplomatie ist jetzt zum Jubiläum erschienen. Ein Gespräch über Fenster in Riad und die Anziehungskraft der Vormoderne.

 

Interview: Björn Rosen
Foto: Deutsche Botschaft in Maskat (Oman), Hoehler + alSalmy (2017), © Gijo Paul George

 

Herr Düwel, gibt es etwas spezifisch Deutsches an der deutschen Botschaftsarchitektur?

Nur insofern, als dass von anderen Staaten in Europa und auch darüber hinaus sensibel wahrgenommen wird, wie sich Deutschland präsentiert. Diplomatische Vertretungen sind Visitenkarten eines Staats. Deutschland hat zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen, eine Schuld, von der es sich nicht freimachen kann. Spätestens nach der Wiedervereinigung 1990 gab es noch einmal ein geschärftes Bewusstsein: Wird das Land wieder eine mächtige Rolle für sich reklamieren und diese auch architektonisch anmelden, oder ist es längst in der westlichen Staatengemeinschaft angekommen? Die Botschaftsarchitektur etwa von Großbritannien oder Frankreich wird gar nicht erst unter diesem Gesichtspunkt betrachtet.

Der erste Neubau des Auswärtigen Amts entstand 1871 im damaligen Konstantinopel. Seitdem wurden Hunderte weitere Botschaften errichtet. Wie stark spiegeln sie den Geist ihrer jeweiligen Zeit? 

Architektur bildet grundsätzlich den Zeitgeist ab, diplomatische Vertretungen sind da keine Ausnahme. Bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein gab es eine Prägeformel für Botschaftsbauten, die dann abhanden kam, weil die Länder nach spezifisch nationalen Architekturformen suchten. Diese Idee wiederum wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts obsolet, so dass eine Botschaft heute gar nicht mehr unbedingt als solche erkennbar ist. Zum Beispiel die Kanzlei von Egon Eiermann in Washington, eingeweiht im Jahr 1964. Sie folgt einer Büroarchitektur, die gerade nicht auf klassische Würdeformeln … 

Man denkt an Sockel, Freitreppen, Portale.

… zurückgreift. Es handelt sich um einen Verwaltungsbau, der im Grunde überall hätte stehen können – Internationalität ist hier das Markenzeichen –, der allerdings aufgrund seiner exponierten Lage einmalig ist. Egon Eiermann verzeichnete damit seinerzeit einen außerordentlichen Erfolg. In der deutschen Presse war die Rede von der »Endstufe«, mit der die Moderne an ihr Ziel gelangt sei. 

Existieren Botschaftsgebäude, die durch ihre Geschichte gewissermaßen kontaminiert sind?

Eine schwierige Frage. Welche Schuld haben Steine? Die Vertretung in Teheran wurde im Nationalsozialismus entworfen und noch während dieser Zeit in Betrieb genommen. Deutschland nutzt den Bau bis heute. Ich glaube nicht, dass der Geist jener Jahre in ihm steckt.

Eine Besonderheit von Botschaftsbauten ist, dass sie Klima und Sicherheitsbedingungen vor Ort berücksichtigen müssen. Auch die lokale Kultur?

Auch die, oder zumindest die lokale Gesetzgebung. In Saudi-Arabien zum Beispiel schreibt das Baurecht vor, dass es nicht möglich sein darf, aus dem Fenster eines Gebäudes in das Nachbarhaus zu blicken. Das widerspricht natürlich deutschen Lebensgewohnheiten. Die Botschaft in Riad löste das Problem, indem sie dokumentierte, dass von Seiten des Nachbarn keine Einwände bestehen, und dann eine Übereinkunft mit dem saudischen Staat traf. 

Trotz des Lobs für den Eiermann-Bau: Ein Großteil insbesondere der wichtigen Botschaften ist noch immer in Gebäuden aus der Vormoderne untergebracht.

Frankreich beschlagnahmte im Zweiten Weltkrieg Deutschlands altes, prächtiges Botschaftsgebäude, so dass Westdeutschland in den frühen Sechzigerjahren eine neue Auslandsvertretung in Paris baute. Das mehrgeschossige Gebäude in der historischen Innenstadt war ein moderner Bürobau. Obwohl er dem westlichen Zeitgeist entsprach, fremdelten die Diplomaten mit ihm: Kaum hatte Frankreich die vormalige Botschaft zurückgegeben, schlüpften Deutschlands Gesandte zurück ins alte Kleid. Weil es eben so wunderbar vorzeigbar ist! In den Neunzigerjahren warb die damalige Präsidentin der Bundesbaudirektion dafür, das Auswärtige Amt solle seine Vorliebe für die Vormoderne zugunsten zeitgenössischer Architektur überwinden. Dazu ist es bis heute nicht gekommen.

Wie erklären Sie sich das?

Es geht nun mal um Würde, um eine Kleiderordnung. In den Gebäuden der Vormoderne kann man Staat machen – im doppelten Sinne. Der durchgedrückte Rücken gehört zur Freitreppe, beeindruckende Bilder entstehen nicht im niedrigen Büroflur.

 

JÖRN DÜWEL ist Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der HafenCity Universität in Hamburg. Mit Philipp Meuser hat er jetzt das Buch Architektur und Diplomatie: Bauten und Projekte des Auswärtigen Amts 1870 – 2020 verfasst.

Der Text stammt aus dem DOM magazine No. 1, Februar 2020. Unser Magazin erscheint vier Mal jährlich – zwei Mal auf Deutsch und zwei Mal auf Englisch. Das aktuelle Exemplar bekommen Sie mit Ihrer Bestellung in unserem Webshop.

Ein Gebäude und seine Geschichte (1): Technische Hochschule in Lissabon

UN-Generalsekretär Guterres erhielt hier sein Diplom: Das Instituto Superior Técnico, eine der renommiertesten  Bildungseinrichtungen Portugals, steht für Fortschritt. Dabei war sein Innenstadt-Campus einst Renommierobjekt der reaktionären Salazar-Diktatur.

 

Text: Björn Rosen
Foto: Vor dem Hauptgebäude der Hochschule, © Harald Bodenschatz 

 

Einen Job hat so gut wie sicher, wer hier seinen Abschluss macht: 86 Prozent der Studenten finden in den sechs Monaten nach, 42 Prozent sogar schon vor ihrer Graduierung eine Anstellung. Das Instituto Superior Técnico ist nicht nur die wichtigste ingenieurwissenschaftliche Hochschule, sondern eine der angesehensten Bildungseinrichtungen Portugals überhaupt. Zu den Alumni gehören drei ehemalige Premierminister, darunter António Guterres, derzeit Generalsekretär der Vereinten Nationen. Der 70-Jährige erhielt 1971 sein Diplom in Elektrischer Energietechnik.

Als junger Mann nahm Guterres vermutlich unzählige Male den Weg, auf dem man sich noch heute dem Hauptgebäude nähert, das auf einem Hügel liegt. Vom Monumentalbrunnen Fonte Luminosa führt er über eine Rasenfläche, dann muss man eine Straße überqueren, ehe man zum gepflasterten Vorplatz gelangt, auf dem sich die Studenten versammeln. Hat man die Stufen der Freitreppe genommen, steht man schließlich vor dem Bau mit seiner Art-déco-artigen Fassade.

Das Gebäude bildet das Zentrum des Alameda-Campus in der Lissaboner Innenstadt. Die Anlage wurde Mitte der Dreißigerjahre errichtet. An der Spitze ­Portugals stand damals António de Oliveira Salazar, der das Land noch bis 1968 diktatorisch regierte. Sein technokratisches Regime war konservativ und nationalistisch ausgerichtet, aber es war weniger anti-modern als oft angenommen. Die Autoren des neuen Buchs ­Städtebau unter ­Salazar zeigen, wie Bauten und Infrastruktur helfen sollten, Stärke und Effektivität unter Beweis zu stellen und so die Diktatur zu legitimieren. »Indem man die ­europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts als dumm und rückständig darstellt, verharmlost man sie – und versteht nicht, warum sie so erfolgreich waren«, sagt Harald Bodenschatz, einer der Herausgeber. Er war bereits am Buch Städtebau unter Mussolini beteiligt, das 2011 bei DOM publishers erschien. Für 2020 ist ein Band über Francos Spanien geplant.

Außergewöhnlich im Falle der Salazar-Diktatur war die starke Stellung des Bauministers Duarte ­Pacheco (1900 – 1943), der auch Bürgermeister von Lissabon war – und Rektor der Technischen Hochschule. Selbst im demokratischen Portugal von heute genießt er eine gewisse Anerkennung. Auch der Alameda-Campus, Teil ­eines größeren städtebaulichen Konzepts, war ­Pachecos Werk. Im Hauptgebäude fand nach seinem Tod eine Propagandaschau über die Bauten des Regimes statt.

 

Der Text stammt aus dem DOM magazine No. 1, Februar 2020. Unser Magazin erscheint vier Mal jährlich – zwei Mal auf Deutsch und zwei Mal auf Englisch. Das aktuelle Exemplar bekommen Sie mit Ihrer Bestellung in unserem Webshop.

Bedienungsanleitung: Sieben Regeln für den Kita-Bau

Höhlen und Holz, aber bitte keine Absperrungen! In welchen Räumen sich Kinder wohlfühlen, erklärt die Herausgeberin unseres neuen Handbuchs Krippen, Kitas und Kindergärten.

 

Text: Natascha Meuser
Foto: Kindergarten Creche Ropponmatsu,  Fukuoka/Japan, © Daisuke Shima

 

1. Lerne von Erziehern und Pädagogen

Architekten sind keine Pädagogen, und nicht alle von ihnen haben Kinder. Gespräche mit den Erziehern, die den Tagesablauf in einer Kita und die Bedürfnisse der Kleinen genauestens kennen, und mit anderen Experten sind unverzichtbar.

2. Schaffe Rückzugsmöglichkeiten

Kinder wollen auch mal allein sein. Sie lieben Höhlen und Nischen. Und wenn sie sich zusammentun, dann meist in kleinen Gruppen. Deshalb gilt: Größere Räume sollten in kleinere Bereiche unterteilt werden können, dafür genügt oft schon ein aufgehängtes Tuch.

3. Überbehüte die Kleinen nicht

Kinder können nur aus Erfahrung lernen. Wer sie zu sehr beschützt, nimmt ihnen die Möglichkeit, geistig zu wachsen. Auch in der Kita braucht es nicht überall Absperrgitter oder besonders weiche Materialien – in der Wohnung daheim gibt es die schließlich auch nicht.

4. Integriere den Eingangsbereich

Er wird oft nur zwei Mal am Tag genutzt: Im Eingangsbereich einer Kita kommen die Kinder an, dort hängen sie ihre Jacken auf – doch dann bleibt der Raum leer, ­    bis die Kleinen wieder abgeholt werden. Um den Platz optimal zu nutzen, kann   man dort einen Ort zum Spielen kreieren.

5. Arbeite mit natürlichen Materialien

An Nachhaltigkeit und guten Geschmack kann man schon die Allerkleinsten heranführen. Die Zukunft gehört Kitas, die aus natürlichen Materialien gebaut und mit diesen gestaltet sind. Wunderschöne Gebäude aus Holz – in Europa auf dem Land und in Japan – machen es vor.

6. Biete den Kindern ­unterschiedliche Ebenen

Wer ist in seiner Kindheit nicht gern auf Bäume geklettert oder hat gleich ein Bretterhäuschen zwischen den Ästen errichtet? Eben. Räume, die unterschiedliche Ebenen – zum Beispiel Hochbetten und Podeste – bieten, werden von den Kleinen sehr gut angenommen.

7. Setze Farben und kindliche Motive sparsam ein

Dass sich Kinder Räume wünschen, die so bunt wie möglich sind, ist ein Mythos. Auch Micky Maus an allen Wänden und Märchenfiguren auf jeder Scheibe haben manchmal mehr mit den Wünschen der Erwachsenen zu tun als mit denen der Kleinen. Weniger ist mehr.

 

NATASCHA MEUSER berät als Architektin den größten Betreiber von Kindergärten in Deutschland. Gerade veröffentlichte sie Krippen, Kitas und Kindergärten. Handbuch und Planungshilfe bei DOM publishers.

Der Text stammt aus dem DOM magazine No. 1, Februar 2020. Unser Magazin erscheint vier Mal jährlich – zwei Mal auf Deutsch und zwei Mal auf Englisch. Das aktuelle Exemplar bekommen Sie mit Ihrer Bestellung in unserem Webshop.

Zwischenstopp in Tunis

Faouzia Ben Khoud, Autorin unseres Architekturführers Tunis, kennt die tunesische Metropole seit ihrem 14. Lebensjahr. Sie verrät, wo es den schönsten Blick auf die Alt­stadt und die besten Konzerte gibt.

 

Text: Faouzia Ben Khoud
Foto: Ez-Zitouna-Moschee, © Faouzia Ben Khoud

 

Tunis ist ein Flickenteppich verschiedenster Zivilisationen. Das Herz der Stadt bildet das alte muslimische Viertel, die Medina; sie ist im Vergleich zu anderen Altstädten im Maghreb sehr gut erhalten. Direkt daneben beginnt die französische Stadt des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Und schließlich gibt es noch die Ruinen Karthagos und des Alten Roms. Ich bin in einem anderen Teil Tunesiens aufgewachsen, aber in einen Außenbezirk von Tunis gezogen, als ich 14 war. Richtig kennengelernt habe ich die Stadt während meines Architekturstudiums, damals absolvierte ich auch ein Praktikum in der Medina. Sie ist bis heute der Ort, an dem ich mich am wohlsten fühle.

Schmecken. Die Medina besteht aus einigen Hauptschlagadern, in denen sich die Menschen drängen. Dort gibt es Läden, dort trifft man sich. Mein Tipp ist, sich einfach treiben zu lassen und sich zu verlieren – selbst mir passiert das manchmal noch. Biegt man in die Seitengassen ab, wird es schnell sehr ruhig. Dort wohnen die Leute, ihre Häuser sind immer um einen Innenhof herum organisiert. Von außen sieht man davon nichts, in der Medina gilt: Privates hat privat zu bleiben. Wer einmal als Besucher in eines der wunderbaren alten Häuser mit ihren gefliesten Wänden schauen möchte, dem ich empfehle ich das Restaurant El-Ali (Rue ­Jamaa Ez Zitouna). Von der Terrasse hat man einen großartigen Ausblick auf die Altstadt mit all den Minaretten der Moscheen. Sie machen ziemlich guten Couscous, besonders interessant ist der mit Fisch.

Sehen. Für einen Ausflug sollte man in das Dorf Sidi Bou Said fahren, an der Küste von Kathargo. Es gibt dort archäologische Ausgrabungen, das eigentliche Dorf befindet sich auf einem Hügel. Die Leute vergleichen es oft mit Santorin; die Häuser sind alle weiß, die Türen blau, und läuft man eine der Gassen hoch, sieht man das Mittelmeer. Meine Architekturfakultät befand sich in der Nähe. Wann immer ich Kummer hatte, bin ich dort hingegangen, und sofort fühlte ich mich besser.

Hören. Mein Lieblingsgebäude ist das Stadttheater (Théâtre municipal, 2 Rue de Greece). Kennengelernt habe ich es, als mich eine Freundin zu einem Nachmittagskonzert mitnahm. Es wurde Liszt gespielt, das war wunderbar, und dann noch dieser großartige Saal. Das Gebäude ist im Jugendstil errichtet, aber ich mag, dass der Architekt die dekorativen Elemente – Geländer mit Pflanzen- und Blumenmotiven oder Deckenmalereien, die Vögel zeigen – eher zurückhaltend an bestimmten Stellen eingesetzt hat. Das Haus hat so eine, ich weiß nicht, gemütliche Atmosphäre. Es gibt dort neben Thea­terdarbietungen Aufführungen des tunesischen Symphonieorchesters und auch Abende, an denen arabisch-andalusische Musik gespielt wird.

FAOUZIA BEN KHOUD ist die Autorin unseres neuen Architekturführers Tunis, erhältlich auf Englisch und Französisch. Die Architektin studierte in der tunesischen Hauptstadt und an der Hochschule Anhalt in Dessau, wo sie 2017 einen Master in Denkmalschutz machte. Dank eines Praktikums bei der Association de Sauvegarde de la ­Médina de Tunis kennt sie das historische Herz der Stadt – von der UNESCO  als Weltkulturerbe anerkannt – besonders gut.

Der Text stammt aus dem DOM magazine No. 1, Februar 2020. Unser Magazin erscheint vier Mal jährlich – zwei Mal auf Deutsch und zwei Mal auf Englisch. Das aktuelle Exemplar bekommen Sie mit Ihrer Bestellung in unserem Webshop. In der Rubrik Zwischenstopp stellen Autoren und Mitarbeiter in jedem Heft eine Stadt oder ein Land vor.