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"Es geht um Würde, um eine Kleiderordnung"

Vor 150 Jahren wurde das Auswärtige Amt gegründet. Der Architekturhistoriker Jörn Düwel hat die Geschichte des deutschen Botschaftsbaus erforscht. Sein Buch Architektur und Diplomatie ist jetzt zum Jubiläum erschienen. Ein Gespräch über Fenster in Riad und die Anziehungskraft der Vormoderne.

 

Interview: Björn Rosen
Foto: Deutsche Botschaft in Maskat (Oman), Hoehler + alSalmy (2017), © Gijo Paul George

 

Herr Düwel, gibt es etwas spezifisch Deutsches an der deutschen Botschaftsarchitektur?

Nur insofern, als dass von anderen Staaten in Europa und auch darüber hinaus sensibel wahrgenommen wird, wie sich Deutschland präsentiert. Diplomatische Vertretungen sind Visitenkarten eines Staats. Deutschland hat zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen, eine Schuld, von der es sich nicht freimachen kann. Spätestens nach der Wiedervereinigung 1990 gab es noch einmal ein geschärftes Bewusstsein: Wird das Land wieder eine mächtige Rolle für sich reklamieren und diese auch architektonisch anmelden, oder ist es längst in der westlichen Staatengemeinschaft angekommen? Die Botschaftsarchitektur etwa von Großbritannien oder Frankreich wird gar nicht erst unter diesem Gesichtspunkt betrachtet.

Der erste Neubau des Auswärtigen Amts entstand 1871 im damaligen Konstantinopel. Seitdem wurden Hunderte weitere Botschaften errichtet. Wie stark spiegeln sie den Geist ihrer jeweiligen Zeit? 

Architektur bildet grundsätzlich den Zeitgeist ab, diplomatische Vertretungen sind da keine Ausnahme. Bis weit in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein gab es eine Prägeformel für Botschaftsbauten, die dann abhanden kam, weil die Länder nach spezifisch nationalen Architekturformen suchten. Diese Idee wiederum wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts obsolet, so dass eine Botschaft heute gar nicht mehr unbedingt als solche erkennbar ist. Zum Beispiel die Kanzlei von Egon Eiermann in Washington, eingeweiht im Jahr 1964. Sie folgt einer Büroarchitektur, die gerade nicht auf klassische Würdeformeln … 

Man denkt an Sockel, Freitreppen, Portale.

… zurückgreift. Es handelt sich um einen Verwaltungsbau, der im Grunde überall hätte stehen können – Internationalität ist hier das Markenzeichen –, der allerdings aufgrund seiner exponierten Lage einmalig ist. Egon Eiermann verzeichnete damit seinerzeit einen außerordentlichen Erfolg. In der deutschen Presse war die Rede von der »Endstufe«, mit der die Moderne an ihr Ziel gelangt sei. 

Existieren Botschaftsgebäude, die durch ihre Geschichte gewissermaßen kontaminiert sind?

Eine schwierige Frage. Welche Schuld haben Steine? Die Vertretung in Teheran wurde im Nationalsozialismus entworfen und noch während dieser Zeit in Betrieb genommen. Deutschland nutzt den Bau bis heute. Ich glaube nicht, dass der Geist jener Jahre in ihm steckt.

Eine Besonderheit von Botschaftsbauten ist, dass sie Klima und Sicherheitsbedingungen vor Ort berücksichtigen müssen. Auch die lokale Kultur?

Auch die, oder zumindest die lokale Gesetzgebung. In Saudi-Arabien zum Beispiel schreibt das Baurecht vor, dass es nicht möglich sein darf, aus dem Fenster eines Gebäudes in das Nachbarhaus zu blicken. Das widerspricht natürlich deutschen Lebensgewohnheiten. Die Botschaft in Riad löste das Problem, indem sie dokumentierte, dass von Seiten des Nachbarn keine Einwände bestehen, und dann eine Übereinkunft mit dem saudischen Staat traf. 

Trotz des Lobs für den Eiermann-Bau: Ein Großteil insbesondere der wichtigen Botschaften ist noch immer in Gebäuden aus der Vormoderne untergebracht.

Frankreich beschlagnahmte im Zweiten Weltkrieg Deutschlands altes, prächtiges Botschaftsgebäude, so dass Westdeutschland in den frühen Sechzigerjahren eine neue Auslandsvertretung in Paris baute. Das mehrgeschossige Gebäude in der historischen Innenstadt war ein moderner Bürobau. Obwohl er dem westlichen Zeitgeist entsprach, fremdelten die Diplomaten mit ihm: Kaum hatte Frankreich die vormalige Botschaft zurückgegeben, schlüpften Deutschlands Gesandte zurück ins alte Kleid. Weil es eben so wunderbar vorzeigbar ist! In den Neunzigerjahren warb die damalige Präsidentin der Bundesbaudirektion dafür, das Auswärtige Amt solle seine Vorliebe für die Vormoderne zugunsten zeitgenössischer Architektur überwinden. Dazu ist es bis heute nicht gekommen.

Wie erklären Sie sich das?

Es geht nun mal um Würde, um eine Kleiderordnung. In den Gebäuden der Vormoderne kann man Staat machen – im doppelten Sinne. Der durchgedrückte Rücken gehört zur Freitreppe, beeindruckende Bilder entstehen nicht im niedrigen Büroflur.

 

JÖRN DÜWEL ist Professor für Geschichte und Theorie der Architektur an der HafenCity Universität in Hamburg. Mit Philipp Meuser hat er jetzt das Buch Architektur und Diplomatie: Bauten und Projekte des Auswärtigen Amts 1870 – 2020 verfasst.

Der Text stammt aus dem DOM magazine No. 1, Februar 2020. Unser Magazin erscheint vier Mal jährlich – zwei Mal auf Deutsch und zwei Mal auf Englisch. Das aktuelle Exemplar bekommen Sie mit Ihrer Bestellung in unserem Webshop.

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Unsere Autoren: Andreas Wenning, Baumhaus-Spezialist

Seit der Corona-Pandemie ist er noch gefragter als zuvor: Der gelernte Tischler und studierte Architekt aus Bremen entwirft weltweit einzigartige Räume. Nah an der Natur – und in luftiger Höhe. Nun ist die vierte, erweiterte und aktualisierte Auflage seines erfolgreichen Buchs Baumhäuser erschienen.

 

Text: Björn Rosen
Foto: © Andreas Wenning

 

Es begann 2003 zwischen zwei Buchen. Andreas Wenning war damals oft zu Besuch bei Freunden, die im niedersächsischen Bassum eine Landkommune gegründet hatten. »Ich habe mir da einfach einen Ort gewünscht, oben in den Bäumen, wo ich sein kann«, erinnert sich der 55-Jährige. Den Begriff Baumhaus hatte er gar nicht im Sinn, »weder hatte ich mir entsprechende Literatur angeschaut noch mich an Vorbildern orientiert«. Wenning schuf schließlich einen bootsähnlichen Raum aus Holz, knapp acht Quadratmeter groß, plus Terrasse, der zwischen den zwei Stämmen an Stahlseilen und Textilgurten aufgehängt wurde.

Dieses Baumhaus Plendelhof gibt es noch immer: In neun Metern Höhe blickt man von dort auf die Baumkrone und die umgebende Wiesenlandschaft. Wenning nennt es »den Prototyp«. Denn heute, 18 Jahre später, ist er als Architekt auf Baumhäuser spezialisiert – und weltweit gefragt. Mehr als 80 Projekte hat er mit seinem Büro Baumraum schon realisiert, in gut einem Dutzend unterschiedlicher Länder. Erfreuen sich professionell geplante Baumhäuser schon seit zwei Jahrzehnten zunehmender Beliebtheit, vermutlich weil die Menschen Nähe zur Natur suchen, so ist die Nachfrage mit der Pandemie weiter gestiegen. »Besonders im Bereich Baumhaus-Hotels. Viele gehen davon aus, dass die Leute künftig mehr regional verreisen, aber eben ein besonderes Erlebnis suchen.« Wennings Buch Baumhäuser erscheint jetzt bereits in der vierten Auflage – aktualisiert unter anderem um das Projekt Black Crystal in den Catskill Mountains nördlich von New York, das mit seiner Fassade aus dunklen Blechen wie ein Edelstein zwischen den Laubbäumen schimmert. Es ist auch auf dem Cover zu sehen.

In den USA hat der Architekt schon häufiger gearbeitet, die Begeisterung für Baumhäuser sei dort vielleicht noch größer als anderswo: »Das hat kulturelle Gründe: Historisch sind die Amerikaner Landeroberer, robuste Leute, die in der Natur leben und ihre Freiheit lieben. « Mit den USA verbindet Wenning aber auch prägende Erinnerungen aus seiner Jugend. Nach dem Zivildienst reiste er vier Monate allein durchs Land –  nicht zuletzt ein Crashkurs, um sein Englisch zu verbessern.

Andreas Wenning stammt aus Weinheim an der Bergstraße und lernte nach der zehnten Klasse zunächst Tischler. Ein Baumhaus besaß er zwar nie als Kind, aber Basteln, Bauen und die Natur lagen ihm seit jeher. Nachdem er das Abitur nachgeholt hatte, führte ihn das Architekturstudium nach Bremen, wo er noch immer lebt.

Natürlich ist die Expertise als Tischler eine solide Grundlage für seine Spezialisierung, und bis heute packt Wenning auf der Baustelle selbst mit an, doch seine Entwürfe sind entscheidend geprägt von seiner Liebe zu avantgardistischer Architektur. »Handwerker, die Baumhäuser bauen, wollen möglichst alles allein machen. Für mich spielt das keine Rolle, und ich bin auch nicht auf bestimmte Materialien festgelegt. Holz ist wichtig, aber ich arbeite ebenso mit Kunststoffen oder Stahl.« Zugleich, sagt Wenning, könne er auch freier gestalten als viele seiner Architekten-Kollegen in anderen Feldern der Architektur: »Die meisten haben ein engeres Korsett. Ich kann im Bereich der Formen und der Materialität in meinem losgelöster und auch skulpturaler gestalten.«

Ein Baumhaus zu bewohnen, fühlt sich nach Freiheit an. Eines zu entwerfen, offenbar auch.

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The engineer who updated Venice

Whether you visit the lagoon city for pleasure or for work, whether you head to the Biennale or the Lido: You will encounter Eugenio Miozzi's work everywhere. His rationalist parking garages and innovative bridges linked Venice with the mainland while also preserving the historic structure. Read our portrait of a man who combined centuries-old traditions with a spirit of innovation.

 

Text: Kyung Hun Oh
Photo: Miozzi measuring the base of the Column of San Teodoro, one of a pair of structures located in St Mark’s Square, around 1950. © IUAV, Archivio Progetti, Fondo Eugenio Miozzi⠀
 

Eugenio Miozzi, chief architect of Venice from 1931 to 1954, played a key role in shaping the city as it is today. Yet he remains a largely unknown figure. This obscurity can perhaps be traced back to his links to Mussolini’s fascist government. Nonetheless, locals and tourists come in contact with his works on a daily basis. Now a monograph on him has been published by DOM publishers – the book is available in both English and Italian.

Miozzi’s central idea for Venice was to ensure its survival as a ‘normal’ city, which, in his view, would only be possible with the introduction of cars. To this end, he realised a major car park in Piazzale de Roma as well as a new Municpal Garage, allowing visitors to easily access the city from the mainland. He also drew up an ambitious plan to build a large new motorway under the lagoon, running clockwise from Piazzale de Roma to the south of Venice. The project was never realised, though it was worked out in detail. Ponte degli Scalzi is perhaps his most emblematic project. The bridge was based on a highly creative solution from a technical perspective, made entirely of stone, with no iron or concrete reinforcements. Miozzi developed a new calculation method to predict the movements of the bridge’s stone pieces, and thus pared down the structure to the essentials. The outcome represents a seamless combination of modern and traditional building techniques. ‘There is no excess, and no lack, with a perfect balance between function, form, construction, and material,’ said Clemens Kusch, editor of Eugenio Miozzi: Modern Venice Between Innovation and Tradition. So lean was the structure that people were afraid of passing beneath it, for fear that it would collapse.

Miozzi was respectful of the city’s architectural heritage, always placing his modernist projects on the peripheries. In the centre, he endeavoured to find a language that was adapted to the historic urban context. This partly also explains why there have been no attempts to demolish Miozzi’s works in Venice: ‘It doesn’t occur to people that his works aren’t part of the historic city,’ says Kusch. Moreover, each of his works stemmed from a real necessity that still exists today: ‘Their survival is linked to the necessity of his interventions.’

Miozzi’s works also sparked a new debate on the future of Venice: between conservatives who wished to preserve the city as it was, and those who saw the need for modernisation. Ultimately, it seems the former prevailed. The spirit of innovation ebbed away after his death. As Kusch says: ‘Very few important modern buildings were built in the city after him.’

Zwischenstopp in Kiel

Der Autor unseres Architekturführers Schleswig-Holstein nimmt Sie mit zu einem Ausflug ans Meer: Dieter-J. Mehlhorn brauchte lange, bis er sich in der Stadt an der Ostsee heimisch fühlte. Aber nach nun 35 Jahren weiß er, wo man die kühlen Kieler sogar mal ausgelassen antrifft.

 

Text: Dieter-J. Mehlhorn
Foto: Segelschiff in Kiel-Holtenau, © Michael Treu, Pixabay

 

Kiel ist eine unsentimentale Stadt, architektonisch geprägt durch Diskontinuität und Brüche. Im Laufe der Geschichte musste es sich immer wieder neu erfinden. Mit der Reichsgründung 1871 setzte zunächst ein ungeheurer Boom ein: Das damalige Städtchen wurde zum Reichskriegshafen und wuchs rasant. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte die Demilitarisierung und schließlich die erneute Aufrüstung unter den Nazis. Im Zweiten Weltkrieg fielen große Teile der Stadt dem Bombenhagel zum Opfer. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich mir vorstelle, wie sich im Flandernbunker gegenüber meiner Wohnung, den man heute besichtigen kann (Kiellinie 249), mehrere tausend Menschen zusammendrängten.

Schwieriger Beginn. Nach 1945 wurde Kiel gemäß den damals vorherrschenden Prinzipien – Verkehrsgerechtigkeit, Funktionstrennung, Gliederung durch Grünzüge – wieder aufgebaut. Nun war man Hauptstadt des neuen Bundeslands Schleswig-Holstein, und auch die Fähr- und Kreuzschifffahrt entwickelte sich. Das historische Auf und Ab konnte jedoch kein Bild entstehen lassen, das den hehren Grundsätzen des Städtebaus entspräche. Ich bin aus beruflichen Gründen vor gut 35 Jahren hierhergekommen, und es hat mich viel Zeit gekostet, die Stadt zu verstehen und heimisch zu werden.

Kaiserliches Intermezzo. Wenn mich jemand fragt, was es anzuschauen gibt, um die Stadt und ihre Genese zu begreifen, dann rate ich zu einer Radtour entlang der Förde, eine sich bis in die Stadtmitte ziehende Bucht, die in der Eiszeit entstand. Vom Hauptbahnhof geht’s entlang der Wasserkante, vorbei an großen Schiffen, zum ehemaligen Sartorispeicher, einem Highlight der norddeutschen Backsteinarchitektur der 1920er Jahre, und dann weiter zum Schloss (Dänische Str. 44). Für dessen Erhalt habe ich mich viele Jahre eingesetzt: Es gab tatsächlich Pläne, dort ein Einkaufszentrum zu bauen! Und weiter durch Düsternbrook, seit langem Wohnort der Besserverdienenden: Einst soll dort Wilhelm II. das Treffen mit einem General in der Jugendstilvilla von Richard Riemerschmid abgelehnt haben – weil das Haus nicht nach des Kaisers Geschmack war. In der »Forstbaumschule« (Düvelsbeker Weg 46), einem beliebten Gartenlokal, versteht man, dass die Kieler zumindest bei schönem Wetter auch ausgelassen sein können.

Skandinavisches Finale. Aus dem einstigen Marinelazarett ist ein ansehnlicher Wohnpark geworden, im »Atelierhaus am Anscharpark« (Heiligendammer Straße 15) ist Kunst zu sehen. Gegenüber steht eine örtliche Ikone: die Petruskirche (Adalbertstraße 10), mit der Kiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts an die moderne Architekturentwicklung anschloss. Als Schlusspunkt der Radtour empfehle ich einen Blick auf den Nord-Ostsee-Kanal. Dort kann man sich nach Skandinavien träumen.

 

DIETER-J. MEHLHORN ist Autor unseres Architekturführers Schleswig-Holstein. Er war viele Jahre Stadtplaner mit Schwerpunkt Stadterneuerung und lehrte unter anderem an den Fachhochschulen Kiel und Lübeck. Immer wieder hat Mehlhorn sich in die öffentliche Diskussion eingebracht: Die Kieler Nachrichten nennen ihn denn auch einen »kritischen Wegbegleiter« der örtlichen Stadtentwicklung. Foto: Anne Wojahn  

Architectural Guide on the North Caucasus: Help to make it happen

It belongs to the regions that are terra incognita for many, even in times of globalisation: the North Caucasus. Gianluca Pardelli, who organises tours through the countries of the former Soviet Union and its neighbouring states with his company Soviet Tours, has been collecting material for a unique project with a team of authors over the past few years: the first English-language architectural guide on Chechnya and the North Caucasus. The book is to be published by DOM publishers. Help make it a reality! Together with Gianluca Pardelli we have started a crowdfunding campaign. Supporters receive, for example, postcard sets or are honoured with their name in the book.

More information about the project can be found: here.

Ein Gebäude und seine Geschichte: Huadong Hospital, Shanghai

Die Corona-Krise brachte es in Erinnerung: Wie viele Kliniken in Chinas kosmopolitischer Metropole hat auch diese westliche Wurzeln. Ihr Bettenhaus entwarf der deutsche Architekt Rudolf Hamburger, über dessen faszinierendes Leben ein Buch bei DOM publishers erschienen ist.

 

Text: Björn Rosen
Foto: © Christian Dubrau (Architekturführer Shanghai, 2018)

 

Als die Coronakrise Anfang 2020 in China begann, wurden 1600 Ärzte und Pfleger aus dem ganzen Land ins Epizentrum, die Provinz Hubei, entsandt. »Beim Durchgehen der Liste stellte ich fest, dass die Geschichte der meisten Kliniken, die Teams geschickt hatten, ins alte Shanghai führt«, schreibt eine Journalistin der Shanghai Daily. Das »alte Shanghai« meint das 19. und frühe 20. Jahrhundert: In China eine Epoche großer Umwälzungen, die vom morschen Kaiserreich über die Ausrufung der Republik bis zum Bürgerkrieg reicht. Damals gewannen ausländische Mächte stark an Einfluss, besonders im kosmopolitischen Shanghai. Mit Briten, Amerikanern, Franzosen kam die westliche Medizin – und neue Architektur.

Zu den örtlichen Kliniken mit westlichen Wurzeln, die Anfang 2020 in Hubei halfen, gehört das Huadong Hospital. Seine Geschichte ist mit einem deutschen Architekten verbunden: Rudolf Hamburger, 1903 in Schlesien geboren. Das Krankenhaus befindet sich in Jing’an, einem der zehn zentralen Bezirke Shanghais; benannt ist dieses dichtbesiedelte Hochhausviertel nach einem alten buddhistischen Tempel. Um zur Klinik zu gelangen, läuft man von der Metrostation Jing’an Temple zehn Minuten Richtung Süden und unterquert dann die Yan’an-Hochstraße. Ein klassizistischer Bau von 1927 bildet das Herz des Areals. Rudolf Hamburger ergänzte ihn 1933 um ein Schwesternwohnheim: Inzwischen ist sein »Victoria Nurses’ Home« längst zum Bettenhaus geworden. Hamburger war Schüler Hans Poelzigs, und so entwarf er das Gebäude betont funktional und schmucklos, abgestellt aufs lokale, feucht-heiße Klima und kostengünstig in der Ausführung. »Diese Architektur im Stil des Neuen Bauens war damals etwas völlig Neues in Shanghai«, sagt Eduard Kögel, Autor einer bei DOM publishers erschienenen Biographie über den Architekten, der als wichtiger Wegbereiter der Moderne in China gelten kann.

Nach Asien hatte Hamburger die Weltwirtschaftskrise 1929 geführt. Während es in Deutschland keine Arbeit mehr gab, erlebte Shanghai einen Bauboom. Der Architekt heuerte bei der Verwaltung der Internationalen Konzession an: Das »Country Hospital«, wie es damals hieß, befand sich am nördlichen Ende dieses ausländisch kontrollierten Viertels. Als Shanghai im Zweiten Weltkrieg dann – trotz Okkupation durch Deutschlands Verbündeten Japan – Zufluchtsort für jüdische Flüchtlinge wurde (die man im »Country Hospital« kostenfrei behandelte), hatte Hamburger, selbst Jude, die Stadt schon wieder verlassen. Das Schicksal führte ihn in den Iran, die UdSSR und schließlich in die DDR.

Sein Schwesternwohnheim wurde vor einigen Jahren saniert, »leider nicht gut«, sagt Kögel. Die Klinik insgesamt ist wichtiger denn je: 1949 von Maos Volksbefreiungsarmee übernommen, behandelte man hier bevorzugt Kader, Militärs, Diplomaten. Als Lehrkrankenhaus  gehört sie inzwischen zur renommierten Fudan Universität.